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Unternehmen werden im Schnitt nur 9 Jahre alt

Die Lebensdauer von Unternehmen wird immer kürzer. Hohes Innovationstempo verkürzt die Lebenserwartung. Branchenübergreifendes und internationales Phänomen

Wenn man auf die Dinosaurier der deutschen Aktienindizes schaut, dann könnte man denken, dass das durchschnittliche Alter von Unternehmen sehr hoch liegen muss. Mehr als die Hälfte der Dax-Konzerne stammen aus dem 19. Jahrhundert, Merck und Thyssen-Krupp sind sogar noch älter. Doch auch Mittelständler und Familienunternehmen können sehr alt werden. Die 20 ältesten Unternehmen Deutschlands sind in Umsatz- und Eigentümerstruktur eher mittelständisch geprägt. Viele dieser Unternehmen schrammten irgendwann oder auch mehrfach schon mal an einer Insolvenz vorbei, haben den Turnaround aber immer wieder geschafft. So gibt es Brauereien (Weihenstephan,  Wellenberg, Brüne, Herrngierdorf), die es an die 1000 Jahre bringe.

Schaut man aber auf alle derzeit aktiven Unternehmen in Deutschland, dann zeigt sich zweierlei: Die (Über-)Lebensdauer von Unternehmen ist erstaunlich kurz, und im langfristigen Trend sinkt sie immer weiter. Im Bundesdurchschnitt erreichen gemäß Creditreform weniger als 2 Prozent aller Unternehmen ein Alter von 100 Jahren oder mehr.

Der Buchautor und McKinsey-Partner Claudio Feser hat ermittelt, dass „die Hälfte aller börsenkotierten Unternehmen ver innerhalb eines Jahrzehnts verschwindet. Nur jedes siebte erreicht das 30. Lebensjahr und nur jedes zwanzigste schafft es bis zum 50-Jahr-Jubiläum. Wie die Menschen folgen die meisten Unternehmen einer natürlichen Lebensspanne von Geburt, Wachstum, Reife und Tod.“ Feser hat auch eine Begründung, warum Unternehmen nicht so lange überleben können. „Die Märkte sind dynamisch, die Unternehmen sind es nicht: Die Märkte schichten jedes Jahr etwa 20 bis 25 Prozent des Kapitals um, da sie ständig weltweit und branchenübergreifend nach attraktiveren Renditen suchen. Die Unternehmen dagegen lagern jährlich nur 2 bis 6 Prozent ihres Kapitals um.“

Nun sind die allerwenigsten Unternehmen börsennotiert. Der weitere Blick auf die Unternehmenslandschaft und ihre Lebenszyklen zeigt einen noch schnellen Wandel. Deutsche Unternehmen werden in ihrer Gesamtheit bis zu ihrer Insolvenz durchschnittlich acht bis zehn Jahre alt. Das hat der Lehrstuhl für Statistik und Ökonometrie der Universität Rostock unter Leitung von Prof. Rafael Weißbach herausgefunden. Dabei haben die Forscher auf umfangreiche Daten zu Firmeninsolvenzen des Bundesfinanzministeriums aus Deutschland zurückgegriffen. Egal, ob die Konjunktur brummt oder eine Flaute die Firmen erfasst: Immer wieder treiben Missmanagement oder eine schlechte Wirtschaftslage Unternehmen in den Ruin.

Eine Studie des Santa Fe Institute („The Mortality of Companies“) kommt zu einem ähnlichen Ergebnis wie die Uni Rostock. Die Wissenschaftler haben sich die Lebenszyklen von 25.000 US-Firmen der vergangen siebzig Jahre angesehen. Mithilfe einer komplexen statistischen Analyse ermittelten die Wissenschaftler die durchschnittliche Lebensdauer eines Unternehmens. Das Ergebnis: Rund zehn Jahre hält sich eine Firma auf dem Markt. Das Überraschende an der Untersuchung ist, dass staatliche Unternehmen und solche mit öffentlicher Beteiligung fast genauso lang existieren. Die öffentliche Hand hält in den USA nämlich staatliche Unternehmen seltener künstlich am Leben.

„Egal, ob man Bananen, Flugzeuge oder was auch immer verkauft – die Mortalitätsrate bleibt dieselbe“, resümierte Studienautor Marcus Hamilton. Die Wissenschaftler schränken die Aussagekraft ihrer Studie allerdings ein. In Japan gibt es allein 50.000 Unternehmen, die seit über 100 Jahre existieren und überwiegend von Familiendynastien geführt werden. Insofern spielt die politische Kultur des Landes als erklärende Variable eine Rolle.

Doch ein Trend ist global einheitlich: Da sich Kapital- und Innovationszyklen immer schneller bewegen, die Märkte immer transparenter und wettbewerbsintensiver werden, schrumpft auch die Lebensdauer von Unternehmen. So zeigt beispielsweise ein Blick auf die durchschnittliche Verweildauer amerikanischer Unternehmen im marktbreiten Börsenindex S&P 500, dass sich die Lebenszyklen von Konzernen in den letzten Jahrzehnten drastisch verkürzt haben. Abzulesen ist das an der durchschnittlichen Verweildauer der Index-Mitglieder im S&P 500: Verweilten US-Konzerne im Jahr 1965 noch rund 33 Jahre im Index, waren es 1990 nur noch 20 Jahre, wie die Unternehmensberatung Innosight herausfand.
Der Trend geht weiter. Für das Jahr 2026 prognostiziert die Agentur, dass Unternehmen im Schnitt nur noch rund 14 Jahre im S&P verweilen. Rund die Hälfte der 500 im S&P vertretenen Firmen wird in den nächsten zehn Jahren aus dem Index fliegen.

Häufig lösen verschleppte Führungswechsel oder hektische Richtungswechsel der neuen Führungsmannschaft strategische Krisen aus, die über sinkende Wettbewerbsfähigkeit und Liquiditätskrise schließlich in Profitabilitätskrisen und die Insolvenz führten. Der ehemalige Shell-Manager Arie de Geus beschreibt in seinem Buch „The Living Company“ vier Faktoren für erfolgreiche Unternehmensentwicklung und deren Entkopplung vom Wechsel der Eigentümer oder einzelner Führungspersönlichkeiten:
Agilität und Veränderungsfähigkeit: Langlebige Unternehmen sind sensibel für Entwicklungen in ihrem Umfeld und richten ihr Kerngeschäft rechtzeitig immer wieder neu aus.
Innovation und Offenheit: Diese Unternehmen erlauben ihren Mitarbeitern Freiräume und tolerieren auch exotische Experimente abseits des Kerngeschäfts, solange diese die Existenz nicht gefährden.
Robuste Geschäftsmodelle: Diese Unternehmen betreiben eine konservative Finanzierungs- und Ausgabenpolitik mit wenig Abhängigkeit von Banken. Aufgrund ihrer gefüllten Kasse können sie beim Betreten von Neuland oder der Übernahme anderer Unternehmen unabhängiger agieren.
Transparenz und Authentizität ihrer Werte (Integrität): Erfolgreiche Unternehmen zeichnen sich durch Transparenz ihrer Werte und ausgeprägte Identifikation aller Mitarbeiter – nicht nur der Führung – mit diesen aus.

Das hervorstechendste Merkmal alter Unternehmen sieht auch William O’Hara, Professor der Bryant University im US-amerikanischen Rhode Island, in der Verpflichtung auf einen Integritätsstandard: „Dieser Wert unterscheidet sie von der Konkurrenz. Sie sind bekannt für Verlässlichkeit und haben sich einen Ruf erarbeitet, Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten und die Menschen vor Ort fair zu behandeln.“ In Familienunternehmen kann – Porsche hin, Volkswagen her – das Vertrauen unter den Familienmitgliedern, die Fähigkeit zur Konfliktlösung und die Leidenschaft oder das Pflichtgefühl, die Tradition fortzuführen, ein zusätzlicher positiver Faktor sein.  

WIKU

17.06.2019 | 09:22

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