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Wer den größten Autobauer erfolgreich in die Zukunft fährt, darin ist man sich in Wolfsburg erstaunlich uneinig. Bis hin zum Vorstandschef. (Foto: Shutterstock)


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Sehnsucht nach dem Übervater

Bei VW rollen derzeit vor allem Köpfe. Der Konzern reagiert mit Personalveränderungen auf eine Pannenserie. Sehnsucht nach einem eisernen Frieden, wie er unter Patriarch Ferdinand Piëch einst herrschte, wird spürbar.

Wenn bei VW derzeit etwas rollt, dann vor allem Köpfe: Eine beispiellose Personalrochade soll offenbar dafür sorgen, dass der Konzern wieder das macht, was er sich eigentlich als Ziel gesetzt hat: moderne und saubere Autos zu produzieren.

Begonnen hat das große Köpfe-Rollen vor zwei Monaten, als Konzernchef Herbert Diess in einer Aufsichtsratssitzung nur mit Ach und Krach seine Position behaupten konnte, aber die Zuständigkeit für die Kernmarke Volkswagen verlor. Anschließend ging es Schlag auf Schlag: Der erfolgreiche Chef der VW-Tochter Skoda Bernhard Maier, ein potenzieller Nachfolger von Diess, musste genauso gehen, wie Andreas Renschler und Joachim Drees, Chefs der Trucktöchter Traton und MAN ihre Positionen verloren. Nach einer neuen Beschäftigung können sich auch Software-Vorstand Christian Senger und der Chef von VW-Nutzfahrzeuge Thomas Sedran umschauen.

Beispiellose Pannenserie

Die Veränderungen an den Top-Positionen gehen einher mit einer bislang einmaligen Pannenserie, die den Konzern erschüttert. Sie zeigt, dass sowohl die VW-Kernkompetenz, die Ingenieurskunst, wie auch das Dauerthema Unternehmenskultur beschädigt sind. Unter die erste Kategorie fällt der seit Jahren schwelende Dieselskandal. Er gewinnt in diesen Tagen neue Brisanz, weil ein dafür verantwortlich gemachter Topmanager aus der Haft in den USA abgeschoben und nach Deutschland überstellt werden soll: Oliver Schmidt war von einem Bezirksgericht in Detroit wegen Verstoß‘ gegen Umweltgesetze und Verschwörung zum Betrug zu sieben Jahren Haft und 400 000 Dollar Geldstrafe verurteilt worden. In diesem Monat stimmte ein Richter der Auslieferung des bis zu seiner Verhaftung vor drei Jahren hochloyalen Topmanagers zu. Schmidt dürfte für die deutschen Behörden, die nach wie vor im Dieselskandal ermitteln, ein interessanter Gesprächspartner werden.

Unter mangelnde Ingenieurskunst fallen auch die Probleme bei der jüngsten Ausgabe des Massenmodells Golf und der Markteinführung des Elektroautos ID 3. Beim Golf verzögerte sich die Auslieferung wegen einer Panne am Notrufsystem, die inzwischen behoben ist. Der ID 3 kommt wegen Software-Problemen zunächst nur als abgespeckte Version auf den Markt, die Stellung von Tesla als Marktführer in diesem Segment wird er so nicht erschüttern können.

Unter die zweite Kategorie, nämlich mangelnde Unternehmenskultur“ fallen Vorkommnisse wie die um einen Werbeclip auf Instagram. Darin war zu sehen war, wie der überdimensional große Finger einer weißen Hand einen schwarzen Mann, der auf einer Straße neben einem gelben Golf steht, ihn erst zur Seite schiebt und dann in ein Gebäude schnipst, über dem “Petit Colon” steht – was als Anspielung auf die europäische Kolonialgeschichte gesehen werden kann. Dann erschien der Schriftzug „Der neue Golf” – allerdings wurde er so eingeblendet, dass kurz die Buchstaben N,E,G,E und R zu sehen waren. VW hat die Werbung schnell gelöscht, die Diskussion, wie so etwas geschehen konnte, reichte jedoch bis in den Vorstand.

Leck im Vorstand

Dort wird viel und hart diskutiert, wie jüngste vertrauliche Protokolle von Sitzungen in den vergangenen Jahren nahelegen, die an die Öffentlichkeit gelangt sind. Konkret geht es bei den veröffentlichten Protokollen um den Umgang mit einem als unbotmäßig empfundenen Zulieferer: Die Preventgruppe hatte sich 2017 im Zuge von Preisverhandlungen mit dem VW-Konzern mit einem Streik gegen die Vorstellungen von VW gewehrt und ihre Lieferungen für einige Tage ausgesetzt. Daraufhin war die Produktion bei VW ins Stocken geraten. Nach einer Lösung des aktuellen Konflikts debattierte der Vorstand über Maßnahmen, wie man auf die Dienste von Prevent verzichten könnte. Ein Team um den Diess-Nachfolger an der Spitze der Kernmarke VW, Ralf Brandstätter, diskutierte damals das Für und Wider der „Aussteuerung“ von Prevent: So wird im VW-Reich der Verzicht auf einzelne Zulieferer genannt. Die Protokolle sind aus zwei Gründen heikel: Ihr Inhalt offenbart, wie VW mit mittelständischen Zulieferfirmen umspringt. Und die Tatsache, dass die Protokolle nach außen gelangt sind, ist ein Beleg für die gezielten Intrigen, die im innersten Machtzirkel von VW gestreut werden.

Vor diesem Hintergrund dürften die Personalrochaden bei VW mit den jüngsten Veränderungen nicht abgeschlossen sein. Neben der Verantwortung für gelungene und misslungene Projekte geht es dabei auch jedes Mal um den Erhalt oder Ausbau von Machtpositionen. Auffällig dabei ist zweierlei: Einer, an dem die Peronalveränderungen abprallen wie am sprichwörtlichen Feld in der Brandung, ist Betriebsratschef Bernd Osterloh. Er amtiert seit bald anderthalb Jahrzehnten als Vorsitzender des Konzernbetriebsrats und konnte sich bisher gegen alle Anfeindungen behaupten. Und: Die Grenzen der Steuerbarkeit des Weltkonzerns VW werden deutlich, seitdem sich der einstige Patriarch Ferdinand Piëch vor fünf Jahren als Aufsichtsratsvorsitzender zurückgezogen hat und mittlerweile verstorben ist. Sichtbar wird: Der Übervater, der oft mit eiserner Hand den Konzern zusammengehalten hatte, fehlt heute schmerzlich.

Oliver Stock

 

 

29.07.2020 | 10:40

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