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Vier weitere Jahre? (Bild: Shutterstock)

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Wahlsieg Merkels hat langfristige Konsequenzen für Anleger

Wie weithin erwartet worden war, haben die deutschen Wähler Angela Merkel für eine weitere Amtszeit zur Kanzlerin gewählt. Eine starke kurzfristige Reaktion der Finanzmärkte auf dieses Wahlergebnis war unwahrscheinlich. Aus längerfristiger Sicht gibt es jedoch Anzeichen, dass die politische und wirtschaftliche Landschaft in der Europäischen Union vor einem Umbruch stehen könnte.

Von Matthias Hoppe

Anleger haben sich im Vorfeld der deutschen Bundestagswahlen ausgesprochen desinteressiert gezeigt. Und das aus gutem Grund. Nur wenige Kommentatoren erwarten etwas anderes als eine Rückkehr Angela Merkels an die Macht, allerdings ohne dabei eine absolute Mehrheit im Bundestag zu erringen.

Kurzfristig rechnen wir nicht damit, dass die Bestätigung dieses Ergebnisses erhebliche Auswirkungen auf das aktuelle konjunkturelle Umfeld in Europa haben wird. Für viele Anleger könnte der Wahlsieg Merkels als weiterer Grund erscheinen, europäische Vermögenswerte zu halten, um vom bereits starken Wachstum Europas zu profitieren. Aus längerfristiger Sicht könnte das Wahlergebnis das Tempo europäischer Reformen bestimmen – bis dato ein Faktor, der den Spreads von Staatsanleihen Unterstützung gebot hat.

Dringend erforderliche Reform der Eurozone

Nachdem Emmanuel Macron im Frühjahr bei den französischen Wahlen den Sieg davongetragen hatte, hatte sich der Optimismus bezüglich des Engagements von sowohl Frankreich als auch Deutschland für Reformen der Eurozone verstärkt. Dieser Optimismus spiegelte sich teilweise in einer starken Verengung der Spreads von Staatsanleihen wider, insbesondere beim Spread zwischen französischen Anleihen und den als Referenz dienenden deutschen Bundesanleihen. Gleichzeitig spiegelten die Kurse ein sehr viel geringeres Risiko eines Auseinanderbrechens des Euroraums wider. Es wird weitläufig angenommen, dass Merkel nun gemeinsam mit Macron versuchen könnte, eine Fiskalpolitik umzusetzen, die darauf ausgelegt ist, nicht nur die Wirtschaft der Europäischen Union (EU) anzukurbeln, sondern auch die Integration Europas zu verstärken.

Zudem besteht ein gewisses Maß an Hoffnung, dass eine Partnerschaft zwischen Deutschland und Frankreich die erforderlichen strukturellen Reformen der EU sowie des Euroraums vorantreiben könnte. Unserer Einschätzung nach könnte dies erhebliche Auswirkungen auf die Kapitalströme hin zu den Aktien und Anleihen der Region haben. Allerdings gehen wir davon aus, dass sich eine Umsetzung dieser Reformen als schwierig erweisen dürfte. Zudem hat Merkel bislang einen eher reaktiven und weniger proaktiven Regierungsstil verfolgt. Sie ist nicht dafür bekannt, sich für Veränderungen stark zu machen und diese voranzutreiben. Je nachdem, mit wem sie eine Koalition bilden muss, könnte es sich zudem als schwieriger erweisen, Reformen umzusetzen.

Bezüglich ihrer Vision für Europa hat sich Merkel bislang eher bedeckt gehalten. Das Programm ihrer Partei, der CDU, enthüllt nicht sonderlich viele Details. Die CDU hat erklärt, hinsichtlich einer allmählichen Weiterentwicklung des Euroraums allgemein offen für eine Zusammenarbeit mit der neuen französischen Regierung zu sein. Zudem hat sie sich Spielraum für ein gewisses Maß an regionaler Solidarität gesichert. Allerdings beharrt sie auch darauf, dass zunächst einmal die Vorschriften eingehalten werden müssen. Die Agenda der CDU ist allerdings dahingehend sehr deutlich, dass für sie eine Mutualisierung der Schulden der Länder der Eurozone – eine Idee, die von anderen europäischen Regierungen vorgeschlagen und auch schon von Macron diskutiert wurde – nicht in Frage kommt.

Mehrere Bereiche für mögliche Fortschritte

Es gibt mehrere Bereiche, in denen wir gewisse Fortschritte erwarten könnten. Allerdings steckt der Teufel – wie immer – im Detail. Sowohl Deutschland als auch Frankreich scheinen sehr daran interessiert zu sein, einen Finanzminister als Vertreter des Euroraums zu ernennen. Der entsprechende Prozess und die letztendliche Ausgestaltung einer solchen Position müssen jedoch noch definiert werden. Beide Länder haben einen dedizierten Haushalt für den Euroraum vorgelegt, hinsichtlich des Umfangs und der Finanzierung gehen die Meinungen jedoch auseinander.

Andererseits scheint Einigkeit zu herrschen, dass der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) in einen Europäischen Währungsfonds umgewandelt werden sollte, um Unabhängigkeit gegenüber dem Internationalen Währungsfonds (IWF) zu erlangen. Angesichts dieser Meinungsverschiedenheiten erscheint eine rasche Einigung unwahrscheinlich, und Reformen könnten zunächst einmal auf einen späteren Zeitpunkt vertagt werden. Es erscheint wahrscheinlicher, dass die Geschäfte zunächst einmal unverändert fortgeführt werden. Reformen dürften sich als schwieriger erweisen als von vielen Anlegern derzeit erwartet wird. Die Marktteilnehmer werden sich also zügig wieder auf dringlichere Probleme konzentrieren, beispielsweise auf die nächsten von der Europäischen Zentralbank (EZB) unternommenen Schritte.

Was bedeutet die Bundestagswahl für die deutsche Wirtschaft?

Wir rechnen nicht damit, dass die Wahlergebnisse kurzfristig erheblichen Einfluss auf den konjunkturellen Ausblick für Deutschland haben werden. Es wird allgemein erwartet, dass die solide Binnennachfrage, die Konsumausgaben und die Investitionen das robuste Wachstum des Bruttoinlandsprodukts auch weiterhin unterstützen werden. Die neue Regierung könnte sich zwar für eine leichte Steuersenkung für die Mittelschicht aussprechen oder sogar – wie während des Wahlkampfes versprochen – einer Anhebung der Infrastrukturausgaben zustimmen, wir bezweifeln jedoch, dass dies bedeutende Auswirkungen auf die Aktienmärkte haben würde.

Die meisten Beobachter hoffen, dass sich die Regierung unter Merkel in der nächsten Legislaturperiode (die aller Wahrscheinlichkeit nach ihre letzte sein dürfte) auf langfristige Themen konzentrieren wird, um nicht nur eine starke und stabile deutsche Wirtschaft, sondern auch die Zukunft der EU zu sichern. Trotz der starken Wirtschaftsleistung müssen mehrere Herausforderungen in Angriff genommen werden, beispielsweise die Ausgaben für Infrastruktur, Bildung und Digitalisierung. Auch die Probleme der Automobilbranche müssen angegangen werden, da der Sektor einen wichtigen Wachstumsmotor und Arbeitgeber für Deutschland darstellt. Die mittel- bis kurzfristige Reaktion der Finanzmärkte auf dieses Wahlergebnis dürfte unserer Einschätzung nach also gedämpft ausfallen, längerfristig könnte sich jedoch ein anderes Bild abzeichnen.

Matthias Hoppe ist Senior Vice President und Portfolio Manager bei Franklin Templeton Multi-Asset Solutions.

29.09.2017 | 03:21

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