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„Wir ersaufen in Aufträgen, aber haben keine Ware“ – wie Rohstoffknappheit die Preise treibt

Holz, Öl, Stahl, Chips und Gemüse – alles ist in diesem Halbjahr sprunghaft teurer geworden. Die Weltwirtschaft ist aus den Fugen und die Preise steigen und steigen. Bleibt die Inflation beherrschbar?

Ernst Prost entfährt ein Seufzer. Mal wieder: „Wir ersaufen gerade in Aufträgen, aber haben keine Ware“, sagt er. Der Chef des Schmiermittelherstellers Liqui-Moly beschreibt mit drastischen Worten das, was derzeit Unternehmerinnen und Unternehmern die Sorgenfalten auf die Stirn treibt, Ökonomen als interessantes Phänomen beobachten und die Europäische Zentralbank (EZB) zu genauem Hinsehen veranlasst: Engpässe in der Versorgung mit wichtigen Vorprodukten aufgrund der Pandemie behindern viele Industrieunternehmen und treiben die Preise nach oben.

Trotz starkem Wachstum in den Auftragsbüchern sind laut einer Umfrage der EZB die Aktivitäten der Firmen ausgebremst. Engpässe gibt es allerorten. Die EZB nennt insbesondere „Halbleiter, Metalle, Chemikalien und Plastik“. Damit nicht genug. Während die Produzenten der Rohstoffe nicht ausreichend produzieren, sind auch die Transporteure nicht in der Lage ausreichend zu transportieren: Die Probleme haben sich durch „anhaltenden Schwierigkeiten in der Transport-Logistik“ verschärft, schreibt die Notenbank. Und die Bundesbank ergänzt: Die Anzahl der Industrieunternehmen, die mit Lieferkettenproblemen kämpfen, habe sich von Mitte 2020 bis Januar 2021 auf fast 20 Prozent verdoppelt. Sogar von einer möglichen „Akkumulation von Lieferkettenstörungen“ ist die Rede. Die Situation führt dazu, dass die Preise stärker anziehen als gedacht – was letztlich ein unschönes Szenario ist: Steigende Preise - aber es gibt weniger zu kaufen. Das alles sieht aus wie eine riesige Verschwörung – doch was ist da wirklich los?

Panikkäufe in der Industrie

Während die Menschen in Europa noch in der Corona-Pandemie stecken, ist die Wirtschaft in China und zunehmend auch in den USA wieder in Fahrt gekommen. Das lässt auch die Produzenten hierzulande nicht kalt: Sie verkaufen ihre Autos, Düngemittel und Medikamente dahin, wo es läuft, weswegen auch die Industrie in Deutschland wieder aus dem Tal der Tränen gekommen ist. Die steigende Nachfrage, nach den Vorprodukten, die zur Herstellung nötig sind, hat wiederum deren Produzenten überrascht, und sie kommen mit den Lieferungen nicht hinterher. Leute wie der Liqui-Moly-Chef kaufen deswegen alles auf, was am Markt verfügbar ist. Ökonomen sprechen von „Panikkäufen in der verarbeitenden Industrie“. Das knappe Angebot lässt die Preise explodieren. Das Statistische Bundesamt registriert einen Anstieg der Erzeugerpreise für gewerbliche Produkte im März von 3,7 Prozent, so etwas hat es seit knapp zehn Jahren nicht gegeben.

Die Industrie versucht die Preissteigerung an die Kundinnen und Kunden weiterzugeben. Laut einer Umfrage der Bundesbank erwarten die Deutschen eine durchschnittliche Inflationsrate von 3,1 Prozent und behalten damit recht. Das ist beachtlich. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr betrug der Anstieg des Preisniveaus in Deutschland gerade einmal 0,5 Prozent.  

Bei denen, die die Preissteigerungen am Markt durchsetzen können, herrscht durchaus Zufriedenheit. Ein Beispiel ist der Kunststoffhersteller Covestro aus Leverkusen, der die Auto- und Möbelindustrie mit Schaumstoffen versorgt. Der DAX-Konzern hat jüngst seine Prognose für das Jahr 2021 kräftig angehoben. Grund, so heißt es in einer gut gelaunten Mitteilung, sei ein Margenwachstum, das höher ausgefallen ist, als erwartet, sprich: Die Leverkusener verdienen mehr an ihren Schaumstoffen, weil sie bei ihren Kunden höhere Preise durchsetzen konnten. Covestro ist nicht allein: Auch deutsche Chemiefirmen wie BASF, Evonik und Lanxess haben Preiserhöhungen angekündigt.

Computer-Chips so teuer wie nie

Das begrenzte Angebot von Grundstoffen treibt auch anderswo die Preise. Zum Beispiel bei Chips: Computer-Chips sind derzeit so teuer wie nie. Eine Chip-Panik macht die Welt unsicher. Sie fällt in eine Zeit, in der nicht nur die Funktion von Computern, Smartphones und Autos am Chip hängt, sondern selbst biedere Hausgeräte wie der Staubsauger zu Robotern werden und ohne Chip in der Steuerung nicht mehr auskommen. Wegen hoher Nachfrage steigen die Chippreise im Schnitt um fast zehn Prozent in diesem Jahr, schätzt das IT-Marktforschungsinstitut Gartner.

Preissteigerungen gibt es auch bei Lebensmitteln, zum Beispiel bei Gemüse: Aktuell liegt der Preis für Spargel bei 20 bis 25 Euro pro Kilo. „Deutscher Spargel ist derzeit teuer“, sagt Ursula Schockemöhle von der Agrarmarkt-Informations-Gesellschaft (AMI). Kohl ist in den vergangenen Monaten um mehr als die Hälfte im Preis gestiegen. Die Gründe dafür liegen in höheren Arbeitskosten. Verschärfte Hygienevorkehrungen in Folge der Corona-Pandemie senken die Produktivität. Saisonarbeitskräfte kommen nicht so einfach über die Grenze nach Deutschland. Auf der anderen Seite steigt die Nachfrage gerade nach Gemüse. Die Menschen, so beobachtet AMI, können nicht mehr in Restaurants und Kantinen essen gehen. Dafür wird zu Hause gekocht. Großeinkäufer sind damit vom Markt verschwunden, und einzelne Kunden haben keine Marktmacht. Das treibt die Preise.

Holz ist das neue Gold

Schließlich ist mit dem Baugewerbe einer der wichtigsten Industriezweige mitverantwortlich für die steigenden Preise in Deutschland. Auch die Bauindustrie steckt in einem Dilemma, wie der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes beschreibt: Wegen niedriger Zinsen für Hausbaukredite herrscht seit Jahren Konjunktur am Bau. Handwerker gibt es zu wenige. Die, die kommen, schreiben hohe Rechnungen. Von November 2020 bis Februar dieses Jahres stiegen nach Angaben des Statistischen Bundesamts die Preise für Bauleistungen bei Wohngebäuden um 4,5 Prozent. Weil kräftig gebaut wird, steigt die Nachfrage nach Baustoffen aller Art. Seit September 2020 ist nicht nur Holz um 20 Prozent teurer geworden, Betonstahl sogar um 30 Prozent, meldet der Verband. Für die Preisentwicklung bei Stahl sorge China, das vom Stahlexporteur zum Stahlimporteur geworden ist und den Export von Stahlschrott verboten hat. Bei aus Erdöl verarbeiteten Baustoffen wie Bitumen und Dämmstoffen steigt der Preis für das Grundprodukt Erdöl infolge der weltweit anziehenden Nachfrage. Ganz schwierig ist die Marktsituation bei Holzprodukten. Seit gut einem Jahr werden große Mengen an Schnittholz in die USA exportiert, weil dort pandemiebedingt Sägewerke geschlossen sind. Großflächige Waldbrände kamen hinzu. Mit China existieren langfristige Lieferverträge, die zur Folge haben, dass weniger Holz auf deutschen Baustellen zur Verfügung steht. Und da die Holzverarbeiter clever sind, haben sie erst einmal den sogenannten „Frischholzeinschlag“ verringert, warten bis die Preise weiter klettern, um dann einen noch hübscheren Gewinn zu erzielen. Die Marktwirtschaft lässt grüßen.

Schuld an diesen Engpässen ist ein aus dem Tritt gekommener Welthandel, dessen Akteure eigentlich wie die Zahnräder eines Uhrwerks ineinandergreifen müssen. Die Pandemie hat sie jedoch aus dem Takt gebracht. Dazu kommt, dass auch die Transporteure, die für den Austausch der Waren weltweit unverzichtbar sind, aus dem Takt gekommen sind. So melden die Spezialisten von Freightwaves.com, die den weltweiten Containerverkehr beobachten: Seit Ende des Jahres 2020 platzt das weltweite Containerschifffahrtsnetz aus allen Nähten.

Container dringend gesucht

Freightwaves hat einen Verfügbarkeitsindex für Container im Blick, der auf den zweitniedrigsten Punkt aller Zeiten gesunken ist. In San Pedro Bay liegen derzeit rund 20 Containerschiffe vor Anker und warten auf Liegeplätze in Los Angeles und Long Beach, wo es so voll ist, dass sie nicht entladen werden können. Der Chef von Deutschlands größter Reederei Hapag-Lloyd, Rolf Habben Jansen, geht davon aus, dass der Verkehrsstau bis ins dritte Quartal hinein dauert. „Mittlerweile gibt es Schiffe, die bis zu fünf Wochen zu spät sind“, berichtet der Sprecher des Hamburger Hafens, Hans-Jörg Heims. In der Regel liefen die Schiffe neun bis 14 Tage später ein, als im Fahrplan vorgesehen. Auch hier schlagen die Mechanismen der Marktwirtschaft zu: Manche Reeder haben Kapazitäten heruntergefahren, um die Frachtraten in die Höhe zu treiben.

Unterm Strich stellt der Chefvolkswirt der IKB Klaus Bauknecht jetzt in einem Gastbeitrag für die „Wirtschaftswoche“ fest: Die Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe steigen, aber die Produktion sinkt. Ihr Niveau liege weit entfernt von dem des Vorkrisenjahres 2019. Der Unterschied zwischen Aufträgen und Produktion sei so groß wie seit rund 30 Jahren nicht mehr. Die Unternehmen kämpften gegen Lieferengpässe. Noch nie seit der Wiedervereinigung seien die Nachschubprobleme so massiv gewesen. Die Lieferengpässe schlagen auf die Preise durch. „Steigende Preise und eine stagnierende Produktion“, so warnt Bauknecht, „sind das Amalgam für Stagflation.“               

Oliver Stock

03.05.2021 | 10:31

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