Anzeige

(Bild: Shutterstock)


Karrierealle Jobs

Dieser Zauberlehrling bringt den Einzelhandel ins Schwitzen

Wie ein Kosmetikstudiobetreiber ungewollt zum Robin Hood der deutschen Einzelhändler wird, ihn ganz Deutschland feiert oder beschimpft, und er davon gar nicht wissen will.

Macit Uzbay hat seine 15 Minuten Ruhm bekommen. Mehr sogar. Genossen hat er sie nicht. Uzbay, ein untersetzter Mann mit freundlichen Augen, betreibt ein kleines Kosmetikstudio in einer der weniger schönen Ecken von Krefeld im tiefen Westen der Republik. Seit Monaten ist der Laden dicht. Als er das Gesundheitsamt vor Weihnachten anrief, um zu erfahren, ob er nicht irgendetwas tun könnten, um wieder öffnen zu dürfen, hat man dort nur mit den Schultern gezuckt. Er solle sich bis zum Ende des Lockdowns am 11. Januar gedulden. Weil es jetzt fast soweit ist, und ein Eröffnungstermin dennoch nicht in Sicht ist, griff Uzbay zur Selbsthilfe. Er sicherte sich die Domain „Coronapedia“ und baute eine Website, die als Forum zur Information über Corona gedacht war. Und er startete auf dem Netzwerk Telegram eine Aktion, die er „#ichmacheauf“ nannte.

#wirmachenauf hat sich verselbständigt

Das ist ein paar Tage her. Aus „#ichmacheauf“ wurde ruckzuck „#wirmachenauf“. „Ohne, dass ich etwas dafür getan habe“, beteuert Uzbay. Die Aktion ging viral, was aus Uzbays Sicht so viel bedeutet, wie: Sie verselbständigte sich wie der Besen des Zauberlehrlings. Innerhalb von Stunden hatten sich Tausende dem Aufruf angeschlossen. Auf der bisher nur in den Grundzügen zu erkennenden Website registrierten sich mehr als 2000 „Mitglieder“, Nutzer, die sich „Ossi“ und „Ralph“ nannten, eröffneten Ortsgruppen.

Damit nicht genug. Auch die Publizisten des Landes stiegen ein. Der umstrittene Herausgeber von „Tichys Einblick“, Roland Tichy, der erst kürzlich die Leitung der Ludwig-Erhard-Stiftung nach einem Alt-Herren-Kommentar niederlegen musste, stellte sich sogleich auf die Seite der #wirmachenauf-Unterstützer: „Ladenbesitzer und Gastronomen, die bei #wirmachenauf mit dabei sind, werden mal kurz verleumdet und bedroht. So geht Merkel-Politik: Ausgrenzen, hassen, verleumden lassen“, twitterte Tichy eifrig. Und auch einer der Sturmgeschütze der Demokratie, Morning-Briefing-Herausgeber Gabor Steingart stellte mit Verweis auf Uzbay fest: „In der bis dahin folgsamen Gesellschaft brodelt es.“

Handelsverband steigt ein

Landauf, landab berichteten Zeitungen und Sender über die Initiative. Bernd Ohlmann, Sprecher des Handelsverband Bayern sah in der Aktion einen „Hilfeschrei“, der die Wut und Verzweiflung unzähliger Einzelhändler zeige, die um ihre Existenz kämpften. Während das Gastgewerbe Umsatzausfälle durch die Novemberhilfe zu 75 Prozent ersetzt bekomme, lasse die Politik den Handel „am ausgestreckten Arm verhungern.“

Uzbay steht an diesem regnerisch-kalten Donnerstagabend in Trainingshose vor dem Hauseingang seiner Wohnung in Krefeld. Er sieht nicht aus wie der Robin Hood des rebellischen deutschen Einzelhandels, der Merkel stürzen und die Gesellschaft aufwiegeln will. Im Gegenteil: Er sieht einigermaßen verzweifelt aus. Ans Telefon geht er nicht mehr. Mails beantwortet er nicht mehr. Inzwischen stöbern Heerscharen von Journalisten in seiner Karriere als angehender Heilpraktiker und Kosmetikstudio-Betreiber herum. Sie finden das Angebot für seine Salbe, die er im Sommer auf Zinkbasis entwickelt hat und die gleichermaßen gegen Sonnenbrand wie gegen Corona wirken soll. Das sei natürlich ein Witz gewesen, sagt Uzbay. Kein Witz sei, dass die tatsächlichen Salben in seinem Studio gerade verschimmelten, weil der Laden ja geschlossen ist.

Auf seiner Website geht derweilen die Post ab. Ein Mitglied schreibt verzweifelt: „Mein Gewerbe wurde durch Anordnung aufgehoben, ein Bußgeldbescheid über 21 000 Euro liegt auf dem Tisch und Haftandrohung ebenfalls. Anwaltliche Hilfe finde ich nicht, von 20 Anwälten 20 Ablehnungen und meine Rechtsschutzversicherung zahlt wegen rechtlicher Verstöße keinen einzigen Pfennig und hat den Vertrag wegen Rechtsbruch ebenfalls gekündigt.“ Das Schicksal des bayerischen Sportartikelhändler Udo Siebzehnrübl kreist durchs Netz. Er schloss sich der Aktion an und wollte am kommenden Montag zumindest zwei seiner fünf Intersport-Läden wieder öffnen. „Ich bin kein Corona-Leugner und kein Querdenker“, sagt er. Aber sein Familienunternehmen mit 100 Mitarbeitern mache Millionenverluste, habe das Lager voller Winterware und vom Staat seit März gerade einmal 15000 Euro Hilfe bekommen. Dann macht Siebzehnrübl einen Rückzieher. Die rechte Szene habe die Aktion für ihre Zwecke ausgenutzt. „In dieses Fahrwasser soll Intersport nicht gezogen werden, da ist eine Grenze für mich erreicht." Er trete von seiner Ankündigung wieder zurück.

Uzbay stöhnt auf, wenn er davon hört. Und während jemand, der mit „Gruß von der Basis“ unterzeichnet auf der Website kommentiert, dass sich Veränderungen nur „aus der bürgerlichen Mitte heraus“ erreichen lassen, während „Ralf“ im fränkischen Neustadt an der Waldnaab die nächste Ortsgruppe eröffnet, während sich Anwälte dankbar für die Bühne über das Für und Wider von unerlaubten Öffnungen unterhalten, und während sich der Einzelhandelsverband Bayern und sein Sprecher von der Aktion schon wieder distanzieren, möchte Uzbay eigentlich nur sein Kosmetikstudio wieder eröffnen natürlich mit Hygienekonzept und allem Pipapo. Die Kunden, so sagt er, kämen einzeln und nacheinander. „Warum“, fragt er sich und kehrt zurück ins Treppenhaus, „ist das verboten?“        

oli





08.01.2021 | 10:39

Artikel teilen: