„Wir können es uns nicht leisten, Potenziale brachliegen zu lassen“
SOS-Kinderdorf: Wie Betriebe stille Potenziale nutzen
Georg Falterbaum, Vorstand bei SOS-Kinderdorf, spricht über erfolgreiche Maßnahmen zur Einbindung der „stillen Reserve“.
WirtschaftsKurier: Werden alle Facetten von Diversität ausreichend gewürdigt?
- Georg Falterbaum: Diversität stärkt Unternehmen. Es entstehen deutlich mehr Perspektiven auf ein Thema und damit auch mehr Optionen bei Entscheidungen. Ein wesentlicher Aspekt ist aus unserer Sicht – neben den Diversitäten Geschlecht, Alter und Ethnie – auch die soziale Herkunft. Soziale Diversität ist ein Thema, dem wir uns als SOS-Kinderdorf verschrieben haben.
Inwiefern?
- Wenn man sieht, wie ungleich die Chancen verteilt sind, wird deutlich: Das ist ein wichtiges sozialpolitisches Thema, um das wir uns kümmern müssen. Aber es ist auch ein wirtschaftliches Thema. Wir können es uns schlicht nicht leisten, 70.000 Ausbildungsplätze unbesetzt zu lassen, während auf der anderen Seite 250.000 Jugendliche keinen Ausbildungsplatz haben. Hier leisten wir als SOS-Kinderdorf einen Beitrag, Wege zu finden, von denen sowohl die Wirtschaft als auch die Gesellschaft insgesamt profitieren.
In Deutschland gibt es rund drei Millionen Menschen unter 25, die keinen abgeschlossenen Berufsschulabschluss haben. Wie führen Sie diese Menschen an den Arbeitsmarkt heran?
- Mit großen Reden ist da wenig geholfen. Wir setzen auf konkrete Zusammenarbeit unserer Einrichtungen mit Unternehmen vor Ort. Häufig sind es mittelständische Betriebe, die sehr aufgeschlossen sind. Bei größeren Unternehmen gestaltet sich das manchmal etwas schwieriger. Klar ist aber auch: Einige dieser potenziellen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter benötigen wegen ihrer Lebensläufe Begleitung und Unterstützung. Wir können nicht garantieren, dass immer alles reibungslos läuft, aber der Einsatz lohnt sich.
Unter welchen Bedingungen?
- Unternehmen müssen genau wie wir Engagement mitbringen. Wenn wir uns um Jugendliche kümmern, die auf den ersten Blick nicht als erste Wahl gelten, dann zeigt sich oft: Es funktioniert erstaunlich gut und auch erstaunlich nachhaltig. Betriebe gewinnen sehr loyale und sehr engagierte Mitarbeitende. Die Investitionen, die in diese jungen Menschen fließen, zahlen sich ethisch wie auch wirtschaftlich aus – für den einzelnen Menschen, die Unternehmen und unsere Gesellschaft insgesamt.
Wenn die Starthürden übersprungen worden sind, ist Loyalität umso größer?
- Genauso ist es. Ein Paradebeispiel ist unsere Partnerschaft mit den Berliner Stadtwerken. Sie besteht seit gut zehn Jahren. In dieser Zeit haben wir rund 150 jungen Menschen nicht nur zu einem Praktikum verholfen, sondern zu einem unbefristeten Arbeitsvertrag mit Tarifgehalt. Und 75 Prozent dieser Mitarbeitenden sind immer noch dort beschäftigt. Angesichts der üblichen Fluktuation ist das erfreulich viel. Ohne diese Unterstützung wären viele dieser 150 jungen Menschen wahrscheinlich arbeitslos geblieben. Heute leisten sie einen wichtigen Beitrag für unsere Gesellschaft. Sie verdienen Geld, zahlen Steuern und Sozialabgaben. Das Modell funktioniert – man muss es eben einfach nur machen und nicht nur -darüber reden.
Wer unterstützt in dieser Konstellation zwischen Unternehmen und Jugendlichen?
- Das sind unsere Jobcoaches. Sie begleiten die jungen Menschen, helfen bei Problemen und fördern den Einstieg. Es muss jemanden im Unternehmen geben, der sich verantwortlich fühlt und die jungen Menschen unterstützt. Ist das gewährleistet, funktioniert das System sehr gut.
Das Gespräch führte Thorsten Giersch.
07.07.2025 | 18:49
