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Ist in der Causa Wirecard um Aufklärung bemüht: Der FDP-Politiker Florian Toncar.


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Macher der Woche: Florian Toncar

Der FDP-Poltiker ist die treibende Kraft hinter einem möglichen Untersuchungsausschuss im Fall Wirecard. Er will die Kanzlerin als Zeugin laden.

Es gibt ihn im Leben eines Politikers vielleicht sogar nicht nur einmal – diesen „once in a life moment“. Diese Situation, in der das Blatt so verteilt ist, dass es einem politisch in die Hände spielt. Florian Toncar, finanzpolitischer Sprecher der FDP mit Wahlkreis im baden-württembergischen Böblingen, steckt gerade in einer solchen Situation. Da ist er Anwalt mit dem Schwerpunkt Banken und Finanzaufsicht und hat in diesem Beruf in einer internationalen Wirtschaftskanzlei gearbeitet, während seine Partei zwischen 2014 und 2017 aus dem Bundestag geflogen war. Sogar als Vortragsreisender in Sachen Regulierung und Aufsicht ist er unterwegs und wird immer hellhöriger, was ein Unternehmen anbelangt, das er seit Jahren beobachtet: Wirecard. Die Berichterstattung in der britischen Finanzzeitung „Financial Times“, die regelmäßig Betrugsvorwürfe gegen den deutschen Dax-Aufsteiger vorbringt, wischt er nicht beiseite. Als der Skandal dann vor drei Monaten seinen Lauf nimmt und Wirecard unter der Last der Betrugsvorwürfe zusammenbricht, ist Toncar einer der ersten, der nach der politischen Verantwortung fragt.

Bei seiner Spurensuche dringt er tief in das Machtgefüge der Republik ein. Als er schließlich beim Finanzminister und Vizekanzler Olaf Scholz landet und ihm selbst die Rolle der Kanzlerin zunehmend unklar erscheint, entschließt sich Toncar in die Offensive zu gehen, diesen „once in a life moment“ zu ergreifen. Der Abgeordnete aus Böblingen wird zum führenden Kopf, der einen Untersuchungssauschuss in Sachen Wirecard installieren will. Ob es dazu kommt, hängt derzeit noch von den Grünen ab. Stimmen sie zu, dürfte das Gremium installiert werden, das mit Toncar als hochaktivem Mitglied die Spitzen der Regierung im Wahljahr vor sich hertreiben könnte.

Die Kanzlerin muss aussagen

„Wir haben es“, sagt Toncar im Gespräch mit dem WirtschaftsKurier, „mit einem Betrugsfall unmittelbar unter dem Radar der staatlichen Aufsichtsbehörden zu tun. Dazu müssen Scholz und Merkel präzise Auskunft geben.“ Die Kanzlerin habe sich öffentlich für Wirecard eingesetzt, als die BaFin bereits wegen Marktmanipulation gegen das Unternehmen ermittelte. Es müsse also irgendjemand entschieden haben, dass die Vorwürfe gegen Wirecard nicht von Belang seien. „Ich wüsste gerne, wer dieser Jemand war und was ihn dabei bewegt hat. Die Kanzlerin ist damit eine potenzielle Zeugin in einem Untersuchungs-Ausschuss.“

Toncar motivert eine Mischung aus Faszination, die ihn als Experten für Aufsicht von Finanzunternehmen ergriffen hat, aus politischem Instinkt, weil er als Vertreter der FDP Opposition, mit einmal die Regierung vor sich hertreiben kann, und Aufklärungswille, weil er den Finanzplatz Deutschland für angeschlagen hält. „Festzustellen, dass ein Unternehmen, dass so gehypt wurde, auf Lug und Trug aufgebaut war, hat auch eine Faszination. Ich möchte durchdringen, was da gelaufen ist“, sagt er. Wobei er im Kopf die Verantwortlichkeiten bereits sortiert hat: „Bei Wirecard haben alle Kontrolleure versagt. Zuerst der Aufsichtsrat, denn die Bafin und schließlich auch die Wirtschaftsprüfer.“ Wenn die Kontrolleure der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) ihren Job ordentlich gemacht hätten, dann hätten sie bei der Verdachtslage gegen Wirecard ihr ganzes Register ziehen können: Festplatten beschlagnahmen und sogar  die Email-Korrespondenz des Vorstands überprüfen. Schließlich sei die Informationslage über Wirecard schon früh erstaunlich dicht gewesen.

Der Finanzplatz ist angeschlagen

Dass sie es nicht tat, habe dem Finanzplatz Deutschland Schaden zugefügt. „Wir liegen“, meint Toncar, „hier weit hinter unseren Möglichkeiten. Wir haben nicht begriffen, welche strategischen Vorteile eine funktionierende Finanzindustrie mit sich bringt.“ Als FDP-Mann kann er sich nicht verkneifen, an dieser Stelle einen Seitenhieb auf das Engagement des Bundes bei der Commerzbank auszuführen: Es habe eben nicht dazu geführt, dass die Bank heute besser dastehe als beim Einstieg vor mehr als zehn Jahren. „Statt einer Staatsbeteiligung braucht die Bank einen starken internationalen Partner, der sie weiterbringt bei der Digitalisierung, der Produktentwicklung und der Effizienz von Prozessen.“ Die Bestimmung von Hans-Jörg Vetter, dem ehemaligen Chef des Landesbank Baden-Württemberg zum neuen Aufsichtsratsvorsitzenden bei der Commerzbank sei da jetzt nicht hilfreich. „Auf private Investoren dürfte sie eher abschreckend wirken.“

Dass Deutschlands Banken international keine sonderlich gute Figur abgeben, hält Toncar auch für das Werk der BaFin. „Bei der BaFin darf kein Stein auf dem anderen bleiben.“ Was ihm vor allem fehle, sei die Priorisierung. „Die BaFin sollte sich auf die großen Risiken konzentrieren und daher nicht jede Volksbank mit größerer Akribie regulieren als augenscheinlich den DAX-Konzern Wirecard.“ Ein Abgang des Behördenchefs Felix Hufeld scheint damit unausweichlich. Aber Toncar ist politisch klug genug, die Forderung nicht an den Anfang eines Untersuchungsausschusses zu stellen: „Ob Hufeld gehen muss, hängt damit zusammen, ob er Teil der Lösung sein will. Das setzt allerdings eine ehrliche und schonungslose Analyse der Fehler voraus, die die Behörde gemacht hat.“ Kommt der Ausschuss, wird der 40jährige Gelegenheit haben, sein politisches Können ins rechte Licht zu setzen. Und das mitten im Wahlkampf. Es gibt schlechtere Konstellationen. 

Oliver Stock

07.08.2020 | 10:52

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