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Im Wirecard-Skandal wurde von zu vielen Seiten zu lange weg-, vielleicht auch gar nicht erst hingeschaut. (Foto: Rico Markus / Shutterstock)


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Wirecard: Welche Kontrolleure versagt haben

An sich hätte Dax-Mitglied Wirecard zu einem der am besten kontrollierten Unternehmen zählen müssen. Doch gleich acht Institutionen haben versagt. Sie schieben sich jetzt genseitig die Schuld zu.

Im Dax hat sich mit der Pleite des Finanzdienstleisters Wirecard ein bisher beispielloses Drama abgespielt: Gegen Mitglieder des Managements ermittelt die Staatsanwaltschaft München unter anderem wegen Betrugs. 1,9 Milliarden Euro fehlen in den Bilanzen. Insolvenzverwalter Michael Jaffé hat den Verkauf einzelner Unternehmensteile angestoßen. Mitarbeiter werden gehen müssen, Aktionäre, die ihr Geld bei dem Dax-Konzern angelegt und nicht rechtzeitig ihre Anteile verkauft haben, erleiden möglicherweise einen Totalverlust. Gläubiger, unter ihnen deutsche Banken wie die Landesbank Baden-Württemberg und die Commerzbank, versuchen zu retten, was noch zu retten ist.

Um so einen Absturz zu verhindern, der offenbar mit krimineller Energie betrieben wurde, existieren Kontrolleure, die im Fall Wirecard alle miteinander versagt haben. Die Fülle derjenigen, die weggeschaut haben, als das Management um den inzwischen inhaftierten und gegen Kaution wieder auf freien Fuß gesetzten ehemaligen Wirecard-CEO Markus Braun seine Geschäfte machte, ist in der Wirtschaftsgeschichte Deutschlands einmalig. Gleich acht Institutionen haben versagt:

Erstens: Unerfahrener Aufsichtsrat

Der Aufsichtsrat des Unternehmens besteht aus sechs Personen, die alle nicht erkannt haben, was unter ihrer Ägide in der Firma, die sie kontrollieren sollten, vor sich ging. Der langjährige Aufsichtsratsvorsitzende, der 75jährige Wulf Matthias, der von der Pleitebank Sal. Oppenheim stammt, hatte sich zu Beginn des Jahres vom Vorsitz zurückgezogen und die Aufgabe an Thomas Eichelmann abgegeben, einem Unternehmensberater, der zwischenzeitlich Finanzvorstand der Deutschen Börse gewesen war.  Unter den anderen Mitgliedern des Gremiums finden sich weitere Personen, die ihre sonstige Tätigkeit mit „Unternehmensberater“ beschreiben und damit Interessenkonflikten ausgesetzt sein könnten.

Zweitens: Wirtschaftsprüfer schauten weg

Die Wirtschaftsprüfer von EY haben jahrelang die Bilanzen des Konzerns geprüft und alles für in Ordnung befunden. Investorenschutzvereinigungen und mehrere große Kanzleien kündigen deswegen bereits an, Schadensersatzansprüche gegen EY zu prüfen. Ihr Vorwurf: EY habe die Bilanzen von Wirecard nicht hinreichend genau geprüft und sei öffentlichen Zweifeln nicht nachgegangen. Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger geht noch einen Schritt weiter: Nach eigenen Angaben hat sie Strafanzeige gegen zwei amtierende und einen ehemaligen EY-Abschlussprüfer gestellt. EY wehrt sich gegen die Vorwürfe: Wirecard selbst trage die alleinige Verantwortung. „Es gibt deutliche Hinweise, dass es sich um einen umfassenden Betrug handelt, an dem mehrere Parteien rund um die Welt und in verschiedenen Institutionen mit gezielter Täuschungsabsicht beteiligt waren“, heißt es von den Wirtschaftsprüfern. „Auch mit umfangreich erweiterten Prüfungshandlungen ist es unter Umständen nicht möglich, diese Art von konspirativem Betrug aufzudecken.“ Allerdings müssen Prüfer Auffälligkeiten nachgehen - und die gab es nach Berichten über mögliche Betrügereien in der Financial Times seit 2018. Erst als mit KPMG schließlich ein weiteres Prüfunternehmen hinzugezogen wurde, mehrten sich auch bei den Wirtschaftsprüfern die Zweifel an der Seriosität der Bilanz.

Drittens: Zahnlose Finanzaufsicht

Zuständig für die Kontrolle der Finanzdienstleister in Deutschland ist die BaFin. Auch sie hat die Vorgänge bei Wirecard lange nicht erkannt. Bafin-Chef Felix Hufeld sieht sich Rücktrittsforderungen ausgesetzt. Er musste inzwischen einräumen, dass auch seiner Behörde Informationen von anonymen Quellen vorgelegen hatten, die auf Manipulationen bei Wirecard hindeuteten. Während Journalisten der Financial Times diese Informationen aufgriffen, ermittelte die BaFin jedoch zunächst nicht gegen das Unternehmen, sondern gegen die Journalisten und verbot Leerverkäufe der Aktien, die in Fällen, in denen Anleger mit sinkenden Kursen rechnen, aber ein Mittel sind, um sich abzusichern. Die BaFin verteidigt sich heute mit dem Hinweis, sie selbst habe nur die Wirecard Bank prüfen konnte, nicht aber den Gesamtkonzern, also die Wirecard Holding. Das liege daran, dass die Holding als Technologieunternehmen eingestuft worden war, und eben nicht als Finanzholding. Ohne diesen Durchgriff aber sei der BaFin die Aufsicht erschwert worden.

Viertens: Desinteressen bei den Zentralbanken

Die Kontrolle der Finanzdienstleister geschieht durch die BaFin in Absprache mit der Europäischen Zentralbank und der Bundesbank. Auch hier schaute niemand genauer hin. Die Aufseher stellten alle gemeinsam fest, Wirecard sei in erster Linie ein Technologieunternehmen, für das andere Regeln gelten als für Finanzdienstleister

Fünftens: Bummelei bei der Bilanz-Polizei

Am 15. Februar 2019 ist aufgrund der Berichte der Financial Times die Aufforderung der BaFin an die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) ergangen, die Bilanz und den Halbjahresabschluss 2018 vollumfänglich zu prüfen. Ein Ergebnis gibt es bis heute nicht. Das Aufspüren von Bilanzbetrug und Ermittlungen seien nicht Teil ihrer Aufgaben, heißt es dazu von der DPR. Dazu fehlten ihr als privatrechtlich organisierten Verein Durchgriffsrechte, wie sie etwa eine Staatsanwaltschaft habe. Auch wehrt sich die DPR gegen den Vorwurf, die Kontrolle der Bilanz verschleppt zu haben. Die Prüfung sei jederzeit streng nach den Vorgaben des Justiz- und Finanzministeriums erfolgt. Die Bundesregierung hat dennoch als Konsequenz den Vertrag mit der DPR gekündigt, der damit Ende 2021 ausläuft.

Sechstens: Schlendrian im Ministerium

Die BaFin untersteht dem Finanzministerium mit SPD-Finanzminister Olaf Scholz an der Spitze. Kritiker wie der FDP-Abgeordnete Christoph Hoffmann bezeichnen die Behörde als „Schlafwagenabteil“ des Ministeriums. Scholz stellte sich lange hinter die BaFin und bescheinigte ihr, ihre Arbeit gemacht zu haben. Erst als die BaFin immer mehr in die Kritik geriet, rückte der Finanzminister und Vizekanzler von der ihm unterstellten Behörde ab und verlangt inzwischen auch eine Reform der Behörde.

Siebtens: Deutsche Börse lässt der Skandal kalt

Für den Dax ist Wirecard ein Desaster. Der Konzern hätte womöglich nie in den DAX aufgenommen werden dürfen. Entscheidend für die Deutsche Börse, die den Index zusammensetzt, sind jedoch allein eine große frei handelbare Marktkapitalisierung und der Orderbuchumsatz. Dazu muss die jeweilige Aktie mindestens 30 Handelstage seit der Erstnotiz aufweisen, ihren Sitz in Deutschland haben, einen Streubesitzanteil von mindestens zehn Prozent aufweisen und einiges mehr. Qualitative Anforderungen fehlen ganz, die Regeln der guten Unternehmensführung finden keine Beachtung. Es spielt keine Rolle, ob sich ein Unternehmen an Gesetze oder allgemein gültige Standards hält, wenn es um einen Platz in Deutschlands Vorzeigeindex geht. Von weiterführenden Merkmalen, wie Transparenz in der Unternehmenskommunikation oder Managemententscheidungen, die auf eine langfristige Wertschöpfung ausgerichtet sind, ganz zu schweigen. Bei der Deutschen Börse erklärt man, dass der Auswahlprozess der Unternehmen seit 2016 in allen Indizes „rein quantitativ und vollständig automatisiert“ stattfindet. Das Ergebnis ist – siehe Wirecard – nicht überzeugend.

Achtens: Überforderte Analysten

Die Wirecard-Aktie wurde regelmäßig einem Check durch Bankanalysten unterzogen. Sie trauten dem Unternehmen einiges zu. Von den auf dem Finanzdatenportal Bloomberg aufgelisteten 28 Analystenmeinungen empfahlen noch im vergangenen Jahr 22 den Titel zu kaufen. Die Pessimisten waren mit vier Verkaufsempfehlungen in der Minderheit, zwei Analysten rieten, die Aktie zu halten. Das Kursziel lag bei über 200 Euro. So hat zum Beispiel Deutsche-Bank-Analystin Nooshin Nejati ihre Empfehlung für die Wirecard-Aktie von „Halten“ auf „Kaufen“ hochgestuft. Sie verwies zwar auf Untersuchungen, wonach falsche Buchungen in mittlerer einstelliger Millionenhöhe festgestellt hatte. Die Korrekturen habe Wirecard jedoch ohne Probleme verarbeitet und der langjährige Wirtschaftsprüfer EY dem Geschäftsbericht 2018 uneingeschränkt sein Testat erteilt. Der Fondsanbieter der Deutschen Bank DWS folgte prompt den Empfehlungen der hauseigenen Analysten und investierte das Geld seiner Anleger in Aktien des Pleite-Unternehmens.

Oliver Stock

02.07.2020 | 16:33

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