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Atomkraft hat in Deutschland keine Zukunft - doch die radioaktiven Abfälle werden noch Jahrtausende überdauern. Jetzt können sich die Energieriesen von der Verantwortung freikaufen. (Fotos: RWE)

Atomkraft hat in Deutschland keine Zukunft - doch die radioaktiven Abfälle werden noch Jahrtausende überdauern. Jetzt können sich die Energieriesen von der Verantwortung freikaufen. (Fotos: RWE)

In weitem Umkreis werden Jod-Tabletten verteilt: das Kraftwerk Tihange in Belgien (Bild: Fotolia/IndustryAndTravel)

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Atomdeal: Wir das Geld, ihr den Müll

Es hätte schlimmer kommen können: Der Entwurf zur Finanzierung des Atomausstiegs ist für die deutschen Energiekonzerne ein ordentlicher Kompromiss. Zwar kostet sie die Energiewende viel Geld - doch langfristig können sie sich damit von der Verantwortung für nuklearen Müll freikaufen. 

Der Deal ist durch und durch ein Kompromiss: Die „Kommission zur Überprüfung der Finanzierung des Kernenergieausstiegs“ hat am vergangenen Mittwoch ihren finalen Entwurf vorgelegt. Und sorgte umgehend für Kurssprünge an der Börse: Die Aktien von Eon und RWE legten deutlich zutun gehörten zu den Topwerten im DAX. Doch die Euphorie war nur von kurzer Dauer: Während RWE noch ein Plus von 0,31 Prozent ins Wochenende retten konnte, musste Eon am Ende sogar ein Minus über 2,03 Prozent verkraften. Dabei ist die Vorlage der Atomkommission eigentlich ein Grund zur Erleichterung. Um die Zwischen- und Endlagerung des Atommülls zu finanzieren, müssen die deutschen Energieversorger bis 2022 17,2 Milliarden Euro an einen öffentlich-rechtlichen Fonds überweisen. Um sich von jeglicher Haftung freizukaufen, müssten RWE und Co. ein Risikoaufschlag von gesammelt 6,142 Milliarden Euro Dieser soll dann das Geld langfristig „arbeiten lassen“. Während die Großkonzerne Eon, RWE, Vattenfall und EnBW eine Schmerzgrenze von rund 21 Milliarden gesetzt hatten, forderten einige Mitglieder der Kommission bis zu 26 Milliarden Euro. 

Dem Entwurf zugrunde lagen Preise von Ende 2014 - als Gesamtkosten für Abriss der Meiler und Lagerung des Atommülls wurden 47,5 Milliarden Euro veranschlagt. Dem Vorschlag der Kommission zufolge sollen die Konzerne Rückstellungen von aktuell 19,8 Milliarden Euro (Ende 2014) behalten und damit sowohl Stilllegung und Abriss als auch endlagergerechte Verpackung der strahlenden Abfälle finanzieren. Dies soll bis spätestens 2040 geschehen. Ein Traumergebnis ist das für die krisengebeutelten Energiekonzerne natürlich nicht. Wenn RWE-Chef Peter Terium den Brief an die Aktionäre mit einem chinesischen Sprichwort beginnt, dann kann man schon erahnen, wie schlecht es um den Konzern steht. Oder in Zahlen: 170 Millionen Euro Verlust im Jahr 2015. Schlimmer noch bei Eon: Kurz vor der Auslagerung der energetischen Altlasten in die neue Tochter Uniper machte der Konzern einen Verlust von knapp sieben Milliarden Euro. 

Aktienkurse pulverisiert - Schreckgespenst Energiewende

Hochproblematisch sind für die Energieriesen weiterhin fallende Strompreise sowie der Boom der erneuerbaren Energien. Im vergangenen Jahr lag der Anteil an der Bruttostromerzeugung laut dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie bereits bei 30 Prozent, am stärksten getragen durch Windkraft, Biomasse und Photovoltaik. Kohle, Gas und Kernkraft sind in Deutschland hingegen Auslaufmodelle, die Energiewende ist das große Schreckgespenst der einst so stolzen Versorger. Vor acht Jahren war eine Eon-Aktie fast 50 Euro wert - heute sind es gut neun. RWE brachte damals je Papier fast 100 Euro auf die Waage - jetzt sind die Anteile schon für 13 Euro zu haben. Damit die Konzerne nicht völlig ausbluten, hat die Atomkommission also einen Kompromiss erarbeitet. Der bedeutet aber auch eine mittelbare Übertragung des Risikos auf den Steuerzahler, wenn es um die Kosten für Zwischen- und Endlagerung von Atommüll geht. 

Der Grünen-Politiker Jürgen Trittin, der zusammen mit Matthias Platzeck (SPD) und Ole von Beust (CDU) die 19-köpfige Kommission leitete, begründet den Schritt so: „Man musste handeln, weil gerade auch aufgrund der schwierigen ökonomischen Lage der Unternehmen die Gefahr bestand, dass bei einem Projekt, was bis weit in künftige Jahrzehnte hineinreicht am Ende die Verursacher über ihre Erlöse nicht die Kosten abdecken können, die notwendig sind, um die nukleare Entsorgung sicherzustellen.“ Gutachten der Bundesregierung zufolge habe das Risiko für einen solchen Ausfall bei gut 50 Prozent gelegen, so Trittin. „Ich glaube, schon die Entwicklung während der Tätigkeit unserer Kommission hat gezeigt, dass sich das jedenfalls nicht verbessert hat.“ Die Illusion der völligen Risikovermeidung habe man nie gehabt, stattdessen habe man das Risiko für Steuerzahler und Stromkunden so gut wie möglich mindern wollen. 

Nach Atomdeal: Analysten gespalten

Ob die Energiekonzerne auf diesen Vorschlag zur Güte anspringen, ist noch offen. Die Bundesregierung jedenfalls hat schon signalisiert, dass sie die Pläne umsetzen will. Nach Jahren des Streits ist durch den Kompromiss eine Lösung in Sichtweite, die den Konzernen endlich eine berechenbare Belastung durch die Energiewende nennt. Anleger hatten RWE und Eon in der Vergangenheit gemieden, weil das Risiko einschneidender politischer Regelungen zu groß war. In den jüngsten Entwicklungen jedoch eine Wende für die Energieriesen zu sehen, wäre übertrieben. Die Analysten sind gespalten: Während man bei den Analysehäusern Kepler Cheuvreux und Independent Research den Daumen senkt, rät die französische Großbank Société Générale zum Kauf: Analyst Lüder Schumacher findet, dass mit dem vorgeschlagenen Atomdeal das Schlimmste verhindert worden sei.

Mehrheitliche Kaufempfehlungen gibt es hingegen für Eon-Aktien: Erneut die Société Générale, Bernstein Research, Goldman Sachs und Jefferies & Company sehen zum Teil signifikantes Aufwärtspotenzial. Dennoch bleiben die deutschen Energieversorger eine risikoreiche Anlage. Bis die Aktionäre wieder Grund zum Strahlen haben - ganz ohne nukleare Belastung - könnte noch so manches Jahr ins Land ziehen. Der Trend geht jedenfalls zur Trennung: Was Eon sein Uniper, das soll RWE die geplante Ökostrom-Tochter sein, die unter dem Projektnamen „NewCo“ läuft. Schon im Herbst soll das neue Unternehmen an die Börse gehen, Peter Terium will den grünen Energien als Chef in die neue Sparte folgen. 

Marius Mestermann 

02.05.2016 | 14:57

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