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Forschung, Marketing, Produktion, Ausland

Wenn die Forschung im Ausland sitzt, leidet – trotz moderner Kommunikationsmöglichkeiten – die Zusammenarbeit mit Produktion und Marketing. (Foto: Shutterstock)

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Die Forschung muss zu Hause bleiben

Offshoringaktivitäten, also die geografische Verlagerung von Firmenaktivitäten an Auslandsstandorte, ist mittlerweile eine alltägliche Entscheidung im Management vieler Unternehmen. Dabei werden in zunehmendem Maße auch wissensintensive Prozesse wie Innovationsaktivitäten und FuE an Auslandsstandorte verlagert. Häufig sind Hauptmotive der Zugang zu neuen Wissensquellen, Humankapital und wichtigen Absatzmärkten. Neben den genannten Vorteilen entstehen aber zum Teil erhebliche Risi-ken. Unter anderem zählen hierzu ungewollter Wissensabfluss, Patentstreitigkeiten, Qualitätsprobleme mit lokalen Lieferanten und Schwierigkeiten bei Zulassungsverfahren. Diese Probleme sind bereits vielen Unternehmen zum Verhängnis geworden, was auch die wachsende Zahl der Backshorer, also Unternehmen, die zunächst ausgelagerte Aktivitäten an den Heimatstandort zurückholen, gestützt wird.

Neben den schon genannten „externen“ Risiken existieren aber auch bedeutende „interne“ Risiken. Diese beziehen sich auf die erheblichen Auswirkungen auf die organisationalen Strukturen des Unternehmens, die mit der Verlagerung von Unternehmensaktivitäten an Auslands­standorte einhergehen.

Monitoring wird schwieriger

Die unmittelbarste Auswirkung von Offshoringentscheidungen ist, dass vormals geografisch integrierte Funktionen (zum Beispiel FuE, Produktion, Sales, Marketing) nicht mehr an den gleichen Orten stattfinden. Kommunikations- und Abstimmungsprozesse werden dadurch erschwert. Monitoring und Kontrollprozesse verlieren so häufig ihre Wirksamkeit, da informelle Kontakte zwischen verschiedenen Funktions- und Managementebenen durch rein formale Instrumente (zum Beispiel geschriebene Berichte) ersetzt werden.

Außerdem neigen geografisch losgelöste Funktionseinheiten dazu, ein Eigenleben zu entwickeln und sich möglichst unabhängig von bestehenden Weisungsstrukturen zu machen. Insgesamt kann dies dazu führen, dass Unternehmen Schwierigkeiten bekommen, schnell und zielgerichtet auf geänderte Rahmenbedingungen zu reagieren, und ihre Anpassungsfähigkeit und Flexibilität leidet.

Torben Schubert vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI hat dieses Argument mit zwei Kollegen auf Basis der Deutschen Innovationserhebung, die Angaben zu den Innovationsaktivitäten von jährlich ca. 7 000 deutschen Unternehmen beinhaltet, überprüft. Zentrales Ergebnis war abei, dass auf der einen Seite Innovationsoffshoring zwar positive Effekte auf die Anpassungsfähigkeit von Unternehmen haben kann, diese aber nur für niedrige bis moderate Niveaus von Innovationsoffshoring auftauchen.

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Unternehmen, die in deutlich stärkerem Maße Innovationstätigkeiten ins Ausland verlagern, laufen Gefahr, ihre organisatorische Anpassungsfähigkeit zu reduzieren, und haben es schwerer, ihre Organisationsstrukturen bei raschen Veränderungen des Marktes anzupassen. Die kritische Grenze, also der Punkt, bei dem Offshoring mehr Kosten als Nutzen bringt, kann dabei schon relativ schnell erreicht sein. Die Resultate der Untersuchung deuteten an, dass bereits bei 11 % verlagerter interner FuE der Schwellenwert im Sample erreicht wurde, bei dem die Kosten des Offshoring den Nutzen überschreiten. Für verlagerte innovationsbezogene Produktions- und Marketingaktivitäten betrug dieser Wert 14 %, für Designaktivitäten 34 %.

Diese kritischen Werte hängen natürlich erheblich von den Charakteristika der Unternehmen
ab. So waren die Effekte für Unternehmen, die am Heimat­standort besonders vernetzt waren, besonders schwerwiegend, da ­die Heimatnetzwerke durch Verlagerung geschwächt werden. Ebenso erwiesen sich kleine Unternehmen als deutlich weniger anfällig gegenüber den Nachteilen. Sie haben noch relativ schlanke Strukturen und können deshalb mit der zunehmenden organisationalen Komplexität durch Offshoring besser umgehen.

Für die Management­praxis bedeutet das: Unternehmen sollten neben der Beurteilung externer Risiken (zum Beispiel Patentverletzungen) auch die Auswirkungen auf die organisationalen Strukturen gut überdenken und dabei besonderes Augenmerkt auf die effektive Anpassung der Kommunikations-, Leitungs- und Abstimmungsstrukturen legen.

Fraunhofer ISI

16.02.2015 | 16:20

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