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Die Luftfahrtindustrie hebt ab

Rekordbestellungen beflügeln Airbus, Boeing und neue Stars im Markt wie Emirates. Aber sie stellen auch ihre weltweiten Zulieferer und Logistiker vor neue Herausforderungen.

Atemberaubende 99 Mrd. US-Dollar – das war die größte jemals getätigte Flugzeugbestellung. Die Aufträge an Boeing und Airbus kamen von der Fluggesellschaft Emirates. Die alle zwei Jahre stattfindende Dubai Airshow sorgt jedes Jahr für Schlagzeilen in der Fachpresse – immerhin ist es eine der größten Veranstaltungen der Luftfahrtindustrie. Doch diesmal waren die Headlines besonders fett: Denn die Flugshow im November 2013 ging mit einem Rekord für die Bestellungen neuer Maschinen in Höhe von insgesamt 206,1 Mrd. US-Dollar in die Geschichte der Zivilluftfahrt ein.

Diese Zahlen scheinen zumindest ein Hinweis dafür zu sein, dass die Luftfahrtindustrie nach fünf turbulenten Jahren wieder zu boomen beginnt: Niemand bestellt so viele Flugzeuge, um sie dann am Boden zu lassen. Nach schwierigen Jahren befindet sich die Luftfahrtindustrie unzweifelhaft im Aufwärtstrend. In der Verkehrsluftfahrt herrscht sogar eine sehr optimistische Marktstimmung, das Wachstum wird vom globalen Konjunkturaufschwung und einer robusten Passagiernachfrage getrieben.

Die aufstrebende Mittelschicht in den Schwellenländern hat Geld und will reisen. „Insgesamt ist die Entwicklung weitgehend positiv“, erläuterte Tony Tyler, Generaldirektor und CEO der IATA. „Die Rentabilität ist weiterhin auf Wachstumskurs.“ Tatsächlich dürften­ den nordamerikanischen Fluggesellschaften angesichts der wirtschaftlichen Erholung zwölf Monate mit kräftiger Entwicklung bevorstehen; für Fluggesellschaften im Nahen Osten –
die neuen Stars im Markt, darunter die rasch wachsende Emirates – wird ein Rekordgewinn von rund 2,1 Mrd. US-Dollar erwartet. Auch in Südamerika ist die Branche im Aufwind. Nach aktuellen Prognosen des Global Market Forecast (GMF) von Airbus benötigt der brasilianische Luftverkehrsmarkt bis zum Jahr 2032 geschätzte 1 324 Maschinen, um die wachsende Nachfrage nach nationalen und internationalen Flugreisen zu decken.

Wachstum in der Region Asien-Pazifik

Langfristig ist jedoch die Re­gion Asien-Pazifik am vielversprechendsten. „Bis zum Jahr 2032 wird das Verkehrsaufkommen in Asien-Pazifik die Nachfrage in Europa und Nordamerika überholen“, sagt John Leahy, Chief Operating Officer/Customers bei Airbus. „Heute unternimmt rund ein Fünftel der Bevölkerung in Schwellenländern einen Flug pro Jahr. Bis 2032 dürfte dieser Anteil auf zwei Drittel zunehmen. Die Attraktivität von Flugreisen wird dazu führen, dass sich die Passagierzahlen bis zum Jahr 2032 mehr als verdoppeln, von heute 2,9 Mrd. auf 6,7 Mrd. Passagiere pro Jahr.“

Für die gesamte Branche bedeutet dies jedoch auch große ­Herausforderungen, denn sie steht vor einem radikalen Wandel. Im Gegensatz zu vergangenen Jahren, als die USA und Europa die größten Märkte der Luftfahrtindustrie waren, ist nun Asien – und insbesondere China – in den Fokus gerückt. Die größten Flotten und das stärkste Wachstum verlagern sich nach Osten.

„Große Hersteller verändern ihre Produktionsprozesse“, sagt Marja-Liisa Turtiainen, Vice President Aerospace & Aviation bei DHL. „Mit dieser Verlagerung werden Lieferketten dezentraler, komplexer und störanfälliger. Die hohen Anforderungen der Branche an Entwicklungs- und Produktionszeitpläne verlangen eine effizientere Logistik; daher sind Flexibilität, Skalierbarkeit und Transparenz entscheidend, wenn sich ein großer Flugzeughersteller für eine Zusammenarbeit mit einem Logistikpartner entscheidet.“

Große Akteure wie Airbus, Boeing und Bombardier sind schon seit Langem in China präsent. Airbus verfügt über eine Endmontagelinie für den A320 in Tianjin sowie ein Entwicklungszentrum und ein Supportzen­trum in Peking, das rund 25 000 Ersatzteile für Fluggesellschaften in der Region Asien-­Pazifik bereithält. Boeing ist mit einem Produktionsinnovationszentrum in Peking, einem MRO-Zentrum für Wartung, Reparatur und Überholung in Shanghai und einer Fertigungsanlage für Verbundstoffe in Tianjin vertreten, und Bombardier hat kürzlich den Bau eines solchen Zen­trums in Tianjin bekannt gegeben. „Der Schwerpunkt der Branche verlagert sich“, sagt Reg Kenney, President Engineering & Manufacturing bei DHL Customer Solutions & Innovation (CSI). „Das extrem starke Wachstum in Asien-Pazifik wird auch die Nachfrage nach Fertigungsdienstleistungen antreiben, ebenso die Nachfrage nach Unterstützung für Wartungs-, Reparatur- und Überholungsleistungen.“

Wenn die Prognosen stimmen, wird auch die Flugzeugproduktion zulegen. Airbus aktueller Global Market Forecast für 2032 schätzt den zusätzlichen Bedarf an Passagier- und Frachtflugzeugen auf 29 000 Maschinen. Hinzu kommt eine allgemein stärkere Nachfrage nach neuen Flugzeugen, da der Lebenszyklus kommerzieller Maschinen immer kürzer wird. „Hier gibt es einen interessanten Trend“, so Kenney. „Früher wurden Maschinen zwischen 17 und 20 Jahre lang geflogen. Heute liegt dieser Zeitraum bei unter zehn Jahren, da technische Fortschritte im Triebwerks- und Flugzeugbau die Treibstoffeffizienz erhöht haben, sodass Fluggesellschaften große Einsparungen realisieren können, wenn sie häufiger neue Maschinen kaufen.“ Davon profitieren natürlich Zulieferer, beispielsweise Hersteller von Triebwerken wie GE und Rolls-Royce, die entsprechend ebenfalls in den chinesischen Markt drängen und Asien zu einem Zentrum der Luft- und Raumfahrt machen.

Die Erfolgsgeschichte der Luftfahrt ist jedoch keineswegs auf China beschränkt. Wie in anderen Branchen auch beziehen Hersteller ihre Komponenten von einer stetig wachsenden Zahl von Zulieferern weltweit. Nach Angaben eines Artikels im „Wall Street Journal“ aus dem Jahr 2012 nutzte der Unternehmensbereich Verkehrsflugzeuge von Boeing mehr als 750 Mio. Teile, die von 1 200 Zulieferern mit 5 400 Produktionsstandorten weltweit bezogen wurden.

Währenddessen plant Airbus im Jahr 2015 die Eröffnung einer Montagelinie in Mobile, Alabama, um in der Nähe seiner wachsenden Zahl von Kunden in Nord- und Südamerika zu sein. Laut Airbus haben sich die Vorteile von wichtigen Standorten in Kundennähe in China bestätigt, wo die Präsenz des Unternehmens – einschließlich der Endmontage des A320 in Tianjin seit 2008 – mit einer Verdopplung des Marktanteils am rasch wachsenden chinesischen Luftverkehrsmarkt einherging.

Druck auf die Lieferketten

In den vergangenen Jahren haben Lieferkettenprobleme durch Rohstoffknappheit, Naturkatas­trophen oder den Ausfall von Zulieferern Supply-Chain-Verantwortliche aller Branchen in Atem gehalten. In der Luftfahrtindus­trie, für die Sicherheit oberstes Gebot ist und in der Verspätungen extrem kostspielig sind, können die Risiken komplexer und störanfälliger Lieferketten den zuständigen Managern den Schlaf rauben.

Für Lieferkettenrisiken bedeutet dies, dass jede Blockade in der Versorgungskette der Produk­tion, die zu einer Verlangsamung oder einem Stopp der Produk­tion führen könnte, unter allen Umständen vermieden werden muss. Daher ist die enge Zusammenarbeit eines Logistikdienstleisters mit dem Kunden unerlässlich, um sicherzustellen, dass Transitstrecken für bestimmte Lieferungen nicht zu Verzögerungen oder Engpässen führen. Zudem muss ein Logistikdienstleister zur Senkung des Compliance-Risikos die Einhaltung von Rechts- und Zollvorschriften für seine Kunden erleichtern, und dies weltweit.

Logistik spielt nicht nur in der Flugzeugherstellung eine Rolle. Ebenso zentral ist sie im Aftersales-Bereich für die Wartung, Reparatur und Überholung, wo hochflexible und effiziente Lieferketten benötigt werden, damit die Fluggesellschaften schnellstmöglich die erforderlichen Ersatzteile und Komponenten erhalten. „Natürlich unterscheiden sich die Anforderungen der Luftfahrtindustrie an die Logistik je nach Hersteller oder Zulieferer“, ergänzt DHL-Manager Kenney.

Ein Unternehmen wie Boeing müsse womöglich einen Flug­zeug­rumpf von einem Ende der Welt an das andere transportieren; ein Unternehmen wie Rolls-Royce benötige vielleicht den Transport eines Triebwerks; und Zulieferer von Deckenschaltern wollen unter Umständen ein entscheidendes Teil in ein anderes Land oder einen anderen Kontinent senden, sodass es bereits bei der Landung der Maschine zur Verfügung steht und ein Fehler rasch behoben werden kann.

31.05.2014 | 14:51

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