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Foto von Dr. Dr. Stefan Groß, Weimer Media Group. Personen s.u.

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Die lukrativen Seiten des Risikos

Deutschlands Zukunftprobleme aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtete die Mittelstandskonferenz der Bayerischen Beteiligungsgesellschaft und des „WirtschaftsKurier“. Die Referenten aus Wirtschaft und Wissenschaft kamen zu interessanten Erkenntnissen.

Zum Jahreswechsel war Nachdenklichkeit angesagt: Der demografische Wandel zeigt sich immer deutlicher, gleichzeitig verhindert ein speziell deutsches Phänomen, die „German Angst“, dass die notwendigen Maßnahmen ergriffen werden. Das war die Quintessenz einer Diskussionsrunde, die die Weimer Media Group (WMG) und die Bayerische Beteiligungsgesellschaft (BayBG) in den Räumen der Börse München veranstaltete.

Die Diskussion unter der ­Leitung von WMG-Verleger Dr. Wolfram Weimer lebte von der Unterschiedlichkeit der Teilnehmer: Prof. Ulrich Reinhardt, Leiter der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen, analysierte scharf die gesellschaftlichen Auswirkungen der demografischen Entwicklung, während Dr. Sonnfried Weber, Sprecher der Geschäftsführung der BayBG, und Andreas Schmidt, Vorstand der Bayerischen Börse, die wirtschaftlichen Folgen und interessante Lösungsansätze aufzeigten. Der bekannte ZDF-Wirtschaftsredakteur und Kolumnist der WMG-Publika­tion „Börse am Sonntag“ Reinhard Schlieker kommentierte die Entwicklung aus Sicht des Börsen­experten.

Prof. Reinhardt führte den Kongressteilnehmern den demografischen Wandel anhand einiger Zahlen plastisch vor Augen. Die Lebenserwartung steigt jährlich um knapp drei Monate. Das wird dazu führen, dass 2035 in Deutschland die älteste Bevölkerung der Welt lebt. An dieser Entwicklung sei kaum etwas zu ändern, sagte der Wissenschaftler. Durchschnittlich bekomme jede Frau derzeit 1,37 Kinder. Die Zahl der Sprösslinge müsste sich auf 3,6 erhöhen, was unre­alistisch sei.

Die Gründe für die niedrige Geburtenzahl seien unter anderem die Angst vor den Karrierefolgen, vor der Bindung an einen möglicherweise falschen Partner oder vor der unsicheren Zukunft für die Kinder. „Angst ist in Deutschlands ein sehr ausgeprägtes Phänomen, wenn es um das Thema Kinder geht“, sagte Reinhardt.

Länger arbeiten ist finanziell attraktiv

Den Problemen, die sich daraus für die Rentensysteme ergeben, könnte man mit einer Flexibilisierung des Eintrittsalters begegnen. Einer Umfrage seiner Stiftung zufolge würden drei Viertel der Beschäftigten gern – in irgendeiner Form – länger arbeiten. Das sei im Übrigen auch finanziell attraktiv, sagte Reinhardt: Jedes Jahr, das ein Angestellter nach Erreichen der Altersgrenze voll in die Rentenversicherung einzahlt, wirkt sich mit einem Plus von 6 % bei seinen Leistungen aus.

Die Generationenfrage spürt auch die BayBG. Denn viele Unternehmer müssen oder wollen aus Altersgründen und mangels eigenem Nachwuchs ihr Unternehmen verkaufen. Die BayBG beteiligt sich in solchen Fällen an der Finanzierung von Übernahmen durch externe Manager. „Wir registrieren eine lebhafte Nachfrage in diesem Bereich“, sagte Weber.

Der demografische Faktor beeinflusst die Geschäftsentwicklung der BayBG auch in anderen Geschäftsbereichen. Die Nachfragen nach Beteiligungskapital für Wachstumsinvestitionen bewegen sich derzeit auf gleich bleibendem Niveau. Den Hauptgrund dafür sieht Weber in der stagnierenden Bevölkerungsentwicklung: „Deshalb hat die Wirtschaft zu wenig Dynamik.“

Dagegen registriert die Beteiligungsgesellschaft bei Finanzierungen für junge Technologiefirmen, die eventuell an die Börse gehen wollen, gute Wachstumsraten. Der BayBG-Chef empfahl deshalb, für Sparvorgänge – zum Beispiel für die Altersvorsorge – alternative Möglichkeiten ins Auge zu fassen. Die junge Hightech-Szene sei sehr kapitalhungrig. Deshalb sei es sinnvoll, Privatleuten Investitionen in Start-ups mit steuerlichen Vergünstigungen schmackhaft zu machen. Damit könnten sie eine bessere Rendite als auf Spareinlagen erzielen. Wie die anderen Diskussionsteilnehmer sieht Weber dabei beispielsweise im Vergleich zu den USA ein Haupthindernis in der „German Angst“ – ein Unterschied in den Mentalitäten, der tief verwurzelt und daher nur schwer zu ändern sei.

Ähnliche Kulturunterschiede beobachtet auch Börsen-Vorstand Schmidt. Wenn ein Unternehmen über die Börse einen Exit anstrebt, „dann kommen 47 % der Investoren aus den USA und nur 9 % aus Deutschland“, sagte Schmidt. Diese Relation werde sich durch die neuen Rahmenbedingungen für Banken und Versicherungen vermutlich noch verschlechtern. Denn dann müssten sie höhere Eigenkapitalanfor­de­rungen erfüllen. Damit werden die Investitionen in mittelständische Unternehmen teurer und noch weniger attraktiv.

„Wir brauchen andere Investoren“, sagte Schmidt, „wir brauchen mehr Freude am Risiko, aber wir brauchen auch neue Anreizsysteme für Risikokapital und nicht für Staatsanleihen.“ Dazu gehören beispielsweise angemessene Berichtspflichten für kleinere Börsenkandidaten „und ganz ­bestimmt nicht die Einführung einer Finanztransaktions­steuer“, sagt Schmidt.

Um die Herausforderungen der Finanzierung der Zukunftsprobleme bewältigen zu können, sprach sich Börsenexperte Schlieker dafür aus, die „Fehl­allokation von Mitteln zu vermeiden“. Die meisten Deutschen setzten derzeit auf das, was im
20. Jahrhundert zweimal ihre Vermögenswerte vernichtet hätte: nämlich Bargeld. Dagegen werde beispielsweise der Aktie als Sachwert viel zu geringe Bedeutung beigemessen.

Vermeidung von Fehlinvestitionen

Auch bei Investitionen dürfe es keine Verschwendung geben. Beispielsweise prangerte Schlieker den Bau des Kernkraftwerks Fukushima an der Küste in der Erdbebengegend als „abstruse Fehlinvestition“ an, die dann ja auch zu der bekannten Katastrophe geführt hätte. Auch der Aufstellung von Windrädern beispielsweise in der rheinischen Tiefebene kann der Börsenexperte wenig abgewinnen: „Mir ist die Logik bis heute schleierhaft“, sagte der ZDF-Wirtschaftsfachmann.

Zum Schluss der Veranstaltung wandte sich die Diskussion nochmals dem Thema demografischer Wandel zu. Um Deutschland kinderfreundlicher zu machen, seien staatliche Initiativen vermutlich wirkungslos, sagte Prof. Reinhardt. „Dafür brauchen wir gesellschaftliche Veränderungen.“ Familienfreundlichkeit sei nicht nur Aufgabe des Staates, pflichtete ihm Weber bei: „Da sind auch die Unternehmen in der Pflicht.“ Sie müssten beispielsweise attraktive Arbeitsplätze für Mitarbeiterinnen bereitstellen. Weber erwähnte in diesem Zusammenhang auch die ­Initiative der BayBG zusammen mit anderen Unternehmen, die ­gemeinsam eine Kinderkrippe gegründet haben.

„Wir sollten aber nicht nur Einrichtungen für Kinder schaffen, sondern auch Altenheime und Stifte“, empfahl Prof. Reinhardt mit Blick auf die weitere Zukunft. „Wir müssen diese Themen näher an die Arbeit rücken, damit wir nicht noch mehr Fachkräfte verlieren.“

Elwine Happ-Frank

BayBG und Weimer Media Group veranstalteten eine hochkarätig besetzte Diskussionsrunde (v. l.): Verleger Dr. Wolfram Weimer, Prof. Ulrich Reinhardt, Leiter der Stiftung für Zukunftsfragen, Andreas Schmidt, Vorstand der Bayerischen Börse, Dr. Sonnfried Weber, Sprecher der Geschäftsführung der BayBG, und ZDF-Wirtschaftsredakteur Reinhard Schlieker.

08.02.2015 | 16:20

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