Wolfgang Langhoff ist Vorstandsvorsitzender von BP (Foto: bp).



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Die neue bp-Strategie

Vom internationalen Öl- und Gasunternehmen zum integrierten Energieunternehmen: Wolfgang Langhoff, Vorstandsvorsitzender BP Europa SE, beschreibt den Weg des Unternehmens zur Klimaneutralität.

Mit seinem Amtsantritt Anfang Februar 2020 hat der CEO der bp Gruppe, Bernard Looney, ein neues Unternehmenskapitel aufgeschlagen: bp will bis spätestens 2050 klimaneutral werden. Bereits vor über 20 Jahren machte der damalige CEO von bp, Lord John Browne, in einer Rede in der Stanford University im Jahr 1997 und in weiteren öffentlichen Äußerungen danach deutlich, dass der Klimawandel eine zentrale Herausforderung des 21. Jahrhunderts sei und dass bp statt Teil des Problems – nämlich als Öl- und Gasunternehmen zur Ursachenkette für steigende Treibhausgas-Emissionen zu gehören – Teil der Lösung sein wolle. bp hat das Kyoto-Klimaabkommen von 1997 ebenso unterstützt wie die Einführung des europäischen CO2-Emissionszertifikatehandels (EU ETS) 2004/2005. Denn CO2 muss einen Preis haben, weltweit und in allen Sektoren.

Zusätzlich hat das Unternehmen 2005 seinen Geschäftszweig BP Alternative Energy ins Leben gerufen, der seitdem stetig ausgebaut und damit zum Nukleus der heutigen Neuausrichtung wurde. Jetzt geht bp einen Schritt weiter und erfindet sich praktisch neu, um bis spätestens 2050 klimaneutral zu werden. Das Pariser Klimaschutz-Abkommen von 2015 und das Aufkommen von gesellschaftlichen Bewegungen, die viel größere Klimaschutz-Anstrengungen fordern und vor allem von jungen Menschen getragen werden, bilden den Kontext, in dem bp sich neu orientiert.

Die neuen Ziele der bp Gruppe im Einzelnen

Um es nicht bei der generellen Aussage zu belassen, Klimaneutralität bis spätestens 2050 zu erreichen, hat bp diese Vorgabe in zehn Zielen konkretisiert. Fünf davon beziehen sich direkt auf die Geschäftstätigkeit der bp. Dabei steht an erster Stelle, bei allen operativen Tätigkeiten, also der gesamten Öl- und Gasförderung, eine Netto-Null bei den Emissionen zu erreichen. So will bp bis spätestens 2050 in sämtlichen Betriebsaktivitäten auf absoluter Basis klimaneutral werden. Auch die Treibhausgasintensität der vertriebenen Produkte soll sinken. In spätestens 30 Jahren sollen sie nur noch halb so viele Emissionen verursachen wie heute. Zusätzlich behält bp das Treibhausgas Methan im Blick: An allen bestehenden großen Öl- und Gasverarbeitungsanlagen werden bis 2023 Messeinrichtungen aufgebaut. Sie überprüfen ein weiteres Ziel: die Methan-Intensität in der Öl- und Gasproduktion um 50 Prozent zu senken. Parallel zu den Treibhausgasreduktionen wird bp Investitionen in alternative Geschäftsbereiche schrittweise deutlich steigern.

Mit fünf weiteren Zielen verfolgt bp den Anspruch, der Welt zu helfen, ebenfalls klimaneutral zu werden. So will bp aktiv politische Vorhaben unterstützen, die Klimaneutralität fördern. Darunter fällt zum Beispiel die Einführung einer Bepreisung von CO2-Emissionen. Dabei sind auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gefragt. Sie sind aufgerufen, sich als Botschafter für Klimaneutralität zu engagieren. Mit der eigenen Neuausrichtung nimmt bp außerdem auch Partnerschaften unter die Lupe: Für die Zusammenarbeit mit Wirtschaftsverbänden definiert das Unternehmen weltweit eine neue Erwartungshaltung. Ein weiterentwickeltes Berichtswesen soll zudem Maßstäbe bei der Transparenz setzen. Als Basis dienen die Empfehlungen der „Task Force on Climate-related Financial Disclosures“. Darüber hinaus stellt bp das unternehmensinterne Know-how mit Hilfe einer neuen Organisationseinheit auch anderen zur Verfügung. Sie soll Länder, Städte und Organisationen zukünftig dabei unterstützen, klimaneutral zu werden.

Mit diesen Zielen will bp jetzt die erste große Etappe bis 2030 auf dem Weg zu „net zero carbon emissions“ zur Jahrhundertmitte angehen. Die kommende Dekade ist entscheidend für die Weichenstellungen. Das gilt sowohl für die Unternehmen als auch für die politischen, gesetzlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen. Wenn dies nicht gelingt, besteht die große Gefahr, dass neue Strukturen und Geschäftsmodelle in zehn Jahren noch nicht so weit sind, dass der Umschwung bis zur Klimaneutralität in spätestens 2050 geschafft werden kann. Deswegen wurden die Vorgaben für den Zeitraum bis 2030 weiter konkretisiert.

Konkrete Meilensteine bis 2030

Fünf Meilensteine will bp bereits in den nächsten zehn Jahren erreichen. Dazu zählt eine Verzehnfachung der Investitionen in emissionsarme Aktivitäten von heute 500 Mio. auf fünf Mrd. US-Dollar jährlich. Damit soll unter anderem eine Nettokapazität von 50 GW bei der Energie-Erzeugung aus erneuerbaren Energien aufgebaut werden – eine 20-fache Steigerung gegenüber dem heutigen Stand. Im Tankstellenbereich soll die Zahl der Ladepunkte für Elektroautos weltweit von 7.500 auf 70.000 erhöht werden. Sie könnten zu mehr Kundenkontakten beitragen – 20 Millionen sollen es 2030 jeden Tag sein, das heißt doppelt so viele wie heute. Zudem gilt es, erste Partnerschaften durch die neu geschaffene Organisationseinheit zu schließen: Zehn bis 15 Großstädte weltweit und drei Schlüsselbranchen will bp auf dem Weg zur Klimaneutralität unterstützen.

Gleichzeitig wird bp auch weiterhin sein Öl- und Gasportfolio auf Wertigkeit ausrichten. Auch wenn dabei keine Explorationsaktivitäten in neuen Ländern aufgenommen werden, erwartet bp dennoch, dass ihr Geschäft mit Öl und Gas in Bezug auf seine Qualität branchenführend und hoch geschätzt sein wird. bp geht davon aus, dass die Förderung bis zum Ende des Jahrzehnts um etwa 40 Prozent niedriger liegen, jedoch von besserer Qualität sein wird - sie wird widerstandsfähiger gegen niedrigere Preise sein, weniger Emissionen produzieren und in den nächsten Jahren die wichtigste Quelle für Erträge und Ertragswachstum sein.

Auswirkungen auf bp in Deutschland und die Bedeutung von grünem Wasserstoff  

Hierzulande ist bp mit der Marke Aral und einem Marktanteil von über 20 Prozent führend im Tankstellengeschäft und damit wichtiger Teil des Transportsektors. Die Mobilität ist der einzige Bereich, in dem es seit 1990 – allgemein das Bezugsjahr für die Zielvorgaben bei der Reduzierung des Treibhausgas- bzw. CO2-Ausstoßes – keinen Rückgang der Treibhausgas-Emissionen gegeben hat, da ungeachtet immer emissionsärmerer Fahrzeuge und stetig verbesserter Kraftstoffe die Verkehrsdichte weiter zunahm. Aus diesem Grund sind die Anforderungen des neuen Bundesklimaschutzgesetzes für den Transportbereich besonders ehrgeizig. Gegenüber 1990 müssen die Treibhausgas-, d.h. vor allem die CO2-Emissionen um 42 Prozent gesenkt werden. Das stellt im Klimaschutzgesetz zwar nicht in absoluten Zahlen, aber im tatsächlichen Ambitionsniveau das ehrgeizigste Klima-Teilziel dar. Damit ist gerade hier entschlossenes Handeln besonders notwendig.

Die Strategie hierfür muss Technologie und Innovation heißen. Eine wesentliche Rolle wird dabei grüner Wasserstoff spielen, der immer mehr in das Zentrum der zukünftigen Energie- und Klimapolitik rückt. Dabei handelt es sich um Wasserstoff, der aus Elektrolyse-Anlagen gewonnen wird, die mit erneuerbaren Energien betrieben werden. Bislang wurde noch zu selten diskutiert, wie die grüne Energie flächendeckend über die Stromversorgung hinaus genutzt werden kann. Elektrizität ist und bleibt leitungsgebunden, unabhängig davon, ob sie mit Kohle, Windkraft oder Photovoltaik erzeugt wird. Aber wie können erneuerbare Energien vergleichbaren Erfolg wie in der Stromproduktion in Industrie, Mobilität und Gebäudewärme haben? Die Antwort darauf ist: Wasserstoff.

bp macht hier jetzt Nägel mit Köpfen. Gemeinsam mit dem dänischen Energiekonzern Ørsted arbeitet bp an einem Projekt für die Produktion von grünem Wasserstoff im industriellen Maßstab. In einer ersten Phase planen die beiden Unternehmen den Bau eines 50 Megawatt (MW) Elektrolyseurs mit dazugehöriger Infrastruktur in der bp Raffinerie in Lingen im Nordwesten Deutschlands. Hierfür soll erneuerbarer Strom von Offshore-Windparks in der Nordsee von Ørsted genutzt werden. Das Besondere daran: Die Anlage könnte eine Tonne erneuerbaren Wasserstoff pro Stunde erzeugen, der in der Raffinerie zur Herstellung von Kraftstoffen genutzt wird. Dadurch könnten rund 20 Prozent des derzeit in der Raffinerie aus fossilem Erdgas erzeugten Wasserstoffs ersetzt werden. Die Inbetriebnahme ist für 2024 vorgesehen. Zusätzlich hat das Projekt Ausbau-Potenzial. In einer zweiten Phase könnte die Erweiterung der Elektrolyse auf 150MW realisiert werden. Ziel von bp ist es, langfristig den gesamten fossil erzeugten Wasserstoff der Raffinerie Lingen zu ersetzen und so zu einer deutlichen Senkung der CO2 Emissionen in der Kraftstoffproduktion beizutragen. Käme auch die Herstellung synthetischer Kraftstoffe z.B. für die Luftfahrt hinzu, sogenannte E-Fuels, könnten in einem weiteren Projektschritt am Standort Elektrolyse-Kapazitäten von mehr als 500MW geplant werden. Zusätzlich bietet sich für das Projekt im Zusammenspiel mit dem GET H2 Nukleus-Vorhaben, an dem bp ebenfalls beteiligt ist, ein ausgezeichneter Anknüpfungspunkt an eine öffentlich zugängliche Wasserstoffinfrastruktur.

Ausblick

bp hat sich auf den Weg gemacht, ein neues integriertes Energieunternehmen zu werden, in dem erneuerbare Energien, Wasserstoff und andere klimafreundliche Technologien zur Basis eines neuen Geschäftsmodells werden. Das Ziel Klimaneutralität bis spätestens 2050 ist kein Lippenbekenntnis, sondern der neue Maßstab für Geschäftsaktivitäten und ihre Rentabilität. bp und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weltweit haben sich dieser neuen Zielsetzung verpflichtet. Ein chinesisches Sprichwort sagt: „Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.“ bp will keine Mauern um ihr traditionelles Geschäftsmodell errichten, sondern auf die Veränderungen durch den Klimawandel mit einem erfolgreichen neuen Geschäftsmodell reagieren.

Wolfgang Langhoff

18.12.2020 | 12:58

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