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Soziales Engagement, beispielsweise ein Schulprojekt in Tansania, und geschäftlicher Erfolg haben Tradition bei dem über 100 Jahre alten Familienunternehmen Deichmann. (Foto: Deichmann)

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Glaube und Gewinn – wie passt das zusammen?

Eine Erfolgsgeschichte mitten im Ruhrpott: In Essen residiert der Schuhhändler Deichmann. Das Familienunternehmen mit einem christlichen Leitbild hat den Umsatz in den vergangenen fünf Jahren mehr als verdoppelt. Gastbeitrag von Heinrich Deichmann, Vorsitzender des Verwaltungsrats.

Selten war Nachdenken über Ethik in der Wirtschaft so wichtig wie heute. Gerade die immer noch andauernde Finanzkrise hat deutlich gemacht, wie gefährlich ein Mangel an Werten und ethischer Verantwortung für unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem werden kann. Staatliches Versagen war der Auslöser der Krise: eine überaus expansive Geldpolitik in den USA, die über anhaltend niedrige Zinsen die Bildung einer Spekulationsblase am Immobilienmarkt ermöglichte und schließlich 2006/2007 platzte. Darüber hinaus hat aber auch der Markt versagt, denn es hat sich gezeigt, dass gerade auf den Finanzmärkten staatliche Regulierung nötig ist.

Als tieferer Grund für die ausgebrochene Krise muss auch ein moralisches Versagen festgestellt werden: Ohne die Gier nach immer höheren Verzinsungen, ohne die Maxime, möglichst viel möglichst schnell zu erreichen, die bei vielen Marktteilnehmern eine vernünftige Risikoabwägung verdrängt hat, wäre es nicht zu einer solch desaströsen Krise gekommen. Eine ethisch besonders fragwürdige Ausdrucksform solcher Gier bestand aber darin, bestehende Regeln zum eigenen Vorteil zu umgehen und dadurch in Kauf zu nehmen, dass andere dadurch zu Schaden kommen. So gehörte zur Vergabepraxis der Hypothekenkredite in den USA, dass die Gratifikation der Hypothekenverkäufer von den von ihnen umgesetzten Kreditvolumen abhängig war. Da die Kreditrisiken weiterverkauft wurden und die Banken an den Vertragsabschlüssen verdienten, ging es für die Banken vor allem um die Anzahl der Abschlüsse.

Auch die Einrichtung von Zweckgesellschaften, in der die Banken die Risiken solcher verbrieften Forderungen auslagerten, um die Eigenkapitalvorschriften von Basel I und Basel II zu umgehen, ist als eine solche Regelumgehung anzusehen. Das heißt, die Ursprünge dieser Krise liegen auch in einem Mangel an Wertorientierung und ethischen Standards.

Werte sorgen für eine stabile Wirtschaft

Die Wirtschafts- und Finanzkrise der vergangenen Jahre zeigt also wieder einmal deutlich, dass für das Funktionieren einer marktwirtschaftlichen Ordnung ein Minimum an Konsens über ethische Werte notwendig ist, da sonst die Stabilität einer solchen Ordnung nicht gewährleistet ist. Wenn die Gier nach Gewinnmaximierung und nach Maximierung der staatlichen Transferleistungen so überhandnimmt, dass das Interesse am Gemeinwohl, an Solidarität und Subsi­diarität völlig in den Hintergrund gedrängt wird, kommen die Eckpfeiler unserer sozialen Marktwirtschaft ins Wanken.

Das Nachdenken über Werte und ethische Verantwortung in der Wirtschaft ist demnach hochaktuell. Als Christ kann für mich Ethik nur auf den biblischen Überlieferungen basieren, und deshalb schließe ich mich der Ethikdefinition von Karl Barth an: Ethik, auch Wirtschaftsethik, als Antwort auf die Frage nach der Güte menschlichen Handelns im Licht des in der Heiligen Schrift ge­offenbarten Wortes Gottes fragt nach der Inanspruchnahme des Menschen durch Gottes Gebote. Sie will „verstanden werden als ‚Offenbarung des Gebotes Gottes, als gegenwärtiges … für den, der Gottes Wort hört, nicht zu überhörendes Ereignis mitten in der Wirklichkeit unseres Lebens‘“.

Außerdem gilt für mich die in der Barmer Theologischen Erklärung der Bekennenden Kirche niedergelegte Überzeugung, dass der christliche Glaube alle Lebensbereiche in Anspruch nimmt: „Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so ist mit gleichem Ernst er auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben; durch ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen. Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu Eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und Heiligung durch ihn bedürfen.“

Dabei gilt es aber zu beachten, dass die Bibel keine verbind­lichen Konzepte für die Ausgestaltung einer Wirtschafts- oder Unternehmensordnung unter den Bedingungen der Gegenwart vorsieht, sondern nur bestimmte ethische Maximen vorgibt, an denen die Qualität einer solchen Ordnung beurteilt werden kann. Zentraler Inhalt der Botschaft Jesu ist die den Menschen befreiende und zu einem neuen Leben verändernde Liebe und der Anbruch des Gottesreiches. Dieses Reich hat aber auf Erden nur begonnen und ist in seiner Vollendung erst in der Ewigkeit zu erwarten. Daher akzeptiert Jesus auch vorhandene Ordnungen, und es gilt noch „Gebt dem, Kaiser, was des Kaisers ist“, aber gleichzeitig und vor allem „Gott, was Gottes ist“ (Mt 22,21). Jesu Wort gegen Pilatus, „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ (Joh 18,36), ist auch dahingehend zu verstehen, dass es eine göttliche Wirtschaftsordnung für diese Welt, mit der sich alle Probleme lösen lassen, nicht gibt (so wenig, wie es eine perfekte Gemeindeordnung gibt).

Ethische Perfektion gibt es nicht

Das Wissen darum, dass wir hier auf Erden mit der menschlichen Fehlbarkeit und Sündhaftigkeit zu rechnen haben und es darum kein ethisch perfektes, christliches Wirtschafts- oder Unternehmensmodell geben kann, bedeutet nun aber nicht den Dispens verantwortlichen Handelns, sondern den aktiven Einsatz für relativ bessere oder beste Lösungen.

Wir haben in unserem Unternehmen versucht, ein Leitbild zu entwickeln, bei welchem die grundlegenden Ziele und Werte auf den Maßstäben der christlichen Botschaft beruhen. Entstanden ist dieses Leitbild seit 1913 innerhalb der Familientradition und trägt heute als übergeordnetes Unternehmensziel die Maxime: „Das Unternehmen muss dem Menschen dienen.“

Im Blick dieser Maxime stehen besonders drei Personengruppen: die Kunden, unsere Mitarbeiter und Menschen in Not. Dabei ist die Gewinnerzielung für uns kein Selbstzweck. Gewinne sind notwendig, um das Unternehmen gesund zu erhalten, Arbeitsplätze zu sichern und neue zu schaffen, die Expansion aus eigener Kraft zu ermöglichen sowie soziale Aufgaben wahrzunehmen.

Dem Kunden sollen gute Produkte zu bestmöglichen Preisen angeboten werden, während das Unternehmen gleichzeitig den Mitarbeitern zu dienen hat. Dies erfolgt, indem unsere Mitarbeiter am Erfolg beteiligt werden, Sondervergütungen und maßnahmenorientierte Unterstützung erhalten sowie unsere Verbundenheit durch zahlreiche festliche Zusammentreffen erfahren. Eine derartige Atmosphäre wirkt sich auch positiv auf unser Geschäft aus. Wir können uns auf loyale, engagierte und qualifizierte Mitarbeiter verlassen, die mit einer überdurchschnittlichen Leistungsbereitschaft das Fundament für unseren Erfolg ­legen.

Außerdem sehen wir uns als global handelndes Unternehmen in der Verantwortung für die Mitarbeiter unserer Geschäftspartner, auf den Beschaffungsmärkten faire Arbeitsbedingungen zu ermöglichen. An den Anforderungen der ILO (International Labour Organisation) ausgerichtet, fordert unser Code of Conduct die Einhaltung von sozialen und ökologischen Mindeststandards. Von unabhängigen Prüfungs­instituten wird kontrolliert, ob unsere Lieferanten diese auch einhalten.

Als dritte Personengruppe fühlen wir uns Menschen in Not im In- und Ausland verpflichtet, die auf fremde Hilfe angewiesen sind, und unterstützen als Unternehmen das Hilfswerk „wortundtat“. Gemeinsam mit seinen lokalen Partnerorganisationen werden 20 000 Menschen in Indien, Tansania, Moldawien, Griechenland und Deutschland im Gesundheits- und Bildungssektor vorrangig durch Selbsthilfeprojekte gefördert.

Es ist eine bleibende Herausforderung, die Ziele unseres Leitbildes im betrieblichen Alltag immer wieder in die Tat umzusetzen. Es hat sich aber auch gezeigt, dass die Orientierung an den Ansprüchen der christlichen Ethik für unser Unternehmen sehr segensreich gewesen ist. Viele Mitarbeiter identifizieren sich mit unserer Unternehmenskultur und den dazugehörigen sozial-karitativen Engagements. Sie fühlen sich dem Unternehmen in besonderer Weise verbunden und helfen mit, unser Leitbild immer wieder mit Leben zu füllen.

Gastbeitrag von Heinrich Deichmann, Vorsitzender des Verwaltungsrats

14.12.2014 | 09:48

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