Lilly-Deutschlandchef Alexander Horn fordert mehr Tempo bei der Arzneimittelzulassung – und investiert dennoch 2,3 Mrd. Euro in Deutschland.(Foto: shutterstock)
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Milliarden-Investition von Lilly: Warum der Pharmakonzern auf Deutschland setzt
Pharmaindustrie & Gesundheitswirtschaft
Lilly-Deutschland-Chef Alexander Horn über träge EU-Behörden, innovative Medikamente und Milliardeninvestitionen in den Standort Deutschland.
WirtschaftsKurier: Ihnen ist gelungen, was inzwischen Seltenheitswert hat: Sie investieren groß in Deutschland. Wie kam es dazu?
Alexander Horn: Die Nachfrage nach innovativen Medikamenten von Lilly steigt seit Jahren. Deshalb investieren wir weltweit in den Auf- und Ausbau unserer Produktionskapazitäten. Seit 2020 haben wir rund 50 Milliarden Dollar verplant. Wir sehen natürlich, dass in Deutschland nicht alles rund läuft. Auch wir fordern investitions- und innovationsfreundlichere Marktbedingungen. Dafür müssen wir bürokratische Hemmnisse abbauen, Genehmigungsverfahren beschleunigen, Digitalisierung und Datennutzung vorantreiben. Ziel sollte mehr Flexibilität und weniger Regulation sein. Aber wir dürfen nicht alles schlechtreden. Aus unserer Sicht geht es jetzt um Anpacken, Mitgestalten und vorwärts gerichtetes Handeln. Nur so werden wir das Ruder gemeinsam herumreißen können. Insofern zeigt die Entscheidung für den Bau einer 2,3 Milliarden Euro teuren Hightech-Produktionsstätte unser Vertrauen in den Standort Deutschland. Die Investition ist aber auch ein Vertrauensvorschuss. Was wir benötigen, sind Planungssicherheit und eine echte Willkommenskultur für Innovationen.
Was meinen Sie konkret mit Willkommenskultur für Innovationen?
Alexander Horn: Wir brauchen mehr Tempo, moderne Regulatorik. Der europäische Zulassungsprozess dauert etwa 120 Tage länger als in den USA. Auch warten Patienten und Patientinnen im Schnitt 20 Monate länger auf medizinische Innovationen. Ein aktuelles Beispiel ist die Alzheimer-Krankheit. Die europäischen Behörden erteilten die Marktzulassung nach 26 Monaten – in Japan waren es acht, in China und den USA 13. Ein weiteres Medikament, das unsere Firma Lilly entwickelt hat, ist 20 Monate nach Antragsstellung nicht zugelassen worden. Und das, obwohl es Behörden in dreizehn anderen Ländern – darunter in Japan, Großbritannien, China und die USA – zugelassen haben. Wir sind überzeugt, dass es wirkt und sicher ist und haben eine neue Prüfung beantragt. Diese Verzögerungen untergraben das Ziel der Europäischen Kommission, die Wettbewerbsfähigkeit Europas zu verbessern.
Die neue Bundesregierung hat die Gesundheitswirtschaft zur Leitwirtschaft erklärt. Was muss nun folgen, damit Ihre Branche dem auch gerecht werden kann?
Alexander Horn: Unsere Branche ist eine der innovativsten und produktivsten Industrien in Deutschland und kann eine Schlüsselindustrie sein, die maßgeblich zur Bruttowertschöpfung beitragen kann. Folgerichtig erkennt der Koalitionsvertrag der neuen Regierung die Gesundheitswirtschaft als Leitwirtschaft an. Ein wichtiges Signal. Nun geht es darum, die Strategien auch in die konkrete Anwendung zu bringen. Hier wünschen wir uns eine zügige, pragmatische Umsetzung einfacher Lösungen – nicht wie leider häufig in Deutschland „overenginered“. Übergeordnetes Ziel muss sein, dass Patientinnen und Patienten schneller an innovative Arzneimittel kommen. Gleichzeitig sollte der wissenschaftliche Fortschritt in einem zukunftsorientierten Erstattungsprozess fair abgebildet werden.
Wo würden Sie ansetzen?
Alexander Horn: Wir glauben, unser Gesundheitssystem kann nur dann leistungs- und damit zukunftsfähig bleiben, wenn wir chronische Erkrankungen holistisch betrachten, deutlich stärker in Vorsorge investieren und Arzneimittelkosten den mittel- bis langfristigen Ersparnissen gegenüberstellen, die durch das Vermeiden oder Reduzieren von Begleit- und/oder Folgeerkrankungen erzielt werden. Darum fordern wir, Prävention zu stärken und auch frühzeitig in die begleitende medikamentöse Therapie einzusteigen, denn dadurch lassen sich Begleit- und Folgeerkrankungen drastisch verringern. Das hat nicht nur gesundheitliche Vorteile für einzelne, sondern spart Kosten für Gesellschaft und Wirtschaft. Dafür müssen wir Gesundheit erhalten und aufhören, Patientinnen und Patienten mit chronischen Erkrankungen im Gesundheitssystem nur zu verwalten.
Das Interview führte Thorsten Giersch
28.07.2025 | 11:50
