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(Bild: Shutterstock)


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Im Tourismus versickern die Rettungsmilliarden

Vier Milliarden für Tui, neun für Lufthansa – die Hilfen, die der Staat den großen Reiseveranstaltern und Mobilitätsanbietern gewährt, verbergen, dass die Unternehmen abgeschlagen dem Strukturwandel hinterherlaufen. Der Erfolg von Anbietern wie Airbnb und Uber macht das schonungslos deutlich.

Während die Reisebranche in Deutschland um Rettung bettelt und dort, wo der Staat nicht hilft, dicht macht, läuft das Geschäft beim größten Touristikkonzern der Welt, Airbnb, rund. Der Kurs schwankt auch einem Monat nach dem Börsengang um den Rekordwert zum Eröffnungstag. Rund 100 Milliarden Dollar Börsenwert bringt der Konzern auf die Waage. Ganz anders sieht es bei den ehemaligen Riesen der Branche aus: Die hannoversche TUI hat in dieser Woche die letzten Hürden dafür beseitigt, dass der Staat als Retter großzügig einspringen kann. Aktionäre und Wettbewerbshüter in Brüssel genehmigten, dass der deutsche Reisekonzern bis zu 4,3 Milliarden Euro an Unterstützung erhält. Der Aktienkurs der TUI hat sich dennoch im Verlauf der vergangenen zwölf Monate halbiert. Der Börsenwert liegt noch bei rund zwei Milliarden Euro.

Corona hat damit schonungslos offengelegt, welche Geschäftsmodelle in der Tourismusbranche eine Zukunft haben und welche nicht. Klemens Sibicki, Digitalisierungsexperte, Buchautor und bis 2019 auch Professor an der Cologne Business School spricht in einem Interview davon, dass „Airbnb kein Tourismus-, sondern ein Techkonzern“ sei. Alle Stufen der Wertschöpfung seien in ein Netzwerk ausgelagert – und damit auch die meisten Risiken. Wenn der Markt, wie derzeit, einbricht, sitze Airbnb nicht auf den Kosten, die leere Hotels, stornierte Pauschalreisen und nicht genutzte Flüge verursachen. Stattdessen konzentriere sich der Zimmervermittler nur darauf, Angebot und Nachfrage zusammenzubringen. „Und da ist Airbnb als Marke gesetzt, ähnlich wie Amazon im Shopping.“ Als digitaler Marktplatz kann das Unternehmen Buchungsschwankungen besser verkraften als die tatsächlichen Vermieter. Hinzu kommt: Die Buchungspalette ist breit. Wer auf der Plattform ein Buchungsziel sucht, findet dies gleichermaßen in großen, touristisch erschlossenen Metropolen, wie auch in ländlichen Gegenden, die insbesondere in den vergangenen Monaten im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie eine massiv höhere Buchungsnachfrage erfahren haben.

Mittelständler machen dicht

Tief in der Krise stecken dagegen die hergebrachten Anbieter. Neben TUI, dem Autovermieter Sixt und der Lufthansa, den allen Milliarden-Krediten durch den Staat oder seine Förderbank KfW oder sogar mit direkten Beteiligungen geholfen werden musste, haben die kleineren und mittelständischen Anbieter das Nachsehen. Dabei geht es Schlag auf Schlag: Europas drittgrößter Reiseveranstalter FTI bekommt zwar 235 Millionen Euro aus dem Rettungsfonds des Bundeswirtschaftsministeriums, aber das Unternehmen gibt alle zukunftsweisenden Geschäftsbereiche, die noch kein Geld verdienen, auf: Die Gruppe mit Sitz in München beschäftigte bisher weltweit 12 000 Mitarbeiter und hatte 2019 mit acht Millionen Gästen noch gut vier Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet. Zur Rettung des Kerngeschäfts hat FTI den Geschäftsbetrieb seines Online-Portals fly.de, des Sprachreiseveranstalters LAL und des Kreuzfahrtreise-Veranstalters FTI Cruises eingestellt und das Kreuzfahrtschiff „Berlin“ verkauft. FTI schloss auch sein Berliner Telefon-Servicecenter touristic24 und führte „Kurzarbeit für nahezu alle Mitarbeiter" ein. Das Management verzichtet auf einen Teil seines Gehaltes.

Der Duisburger Reiseveranstalter Schauinsland hat fast zwei Drittel seines Umsatzes verloren. Im vergangenen Geschäftsjahr waren Umsatz und Zahl der Kunden um mehr als 60 Prozent zurückgegangen. Eine Prognose für dieses Jahr wagt das Unternehmen nicht.

Je dünner die Kapitaldecke, desto näher rücken die traditionellen Touristikkonzerne der Pleite. Bei manchen ist es bereits soweit: Die Reisebüro-Kette Bühler, seit einem halben Jahrhundert auf dem Markt und mit mehr als 30 Filialen in Baden-Württemberg, Hessen und Niedersachsen ein mittelständischer Betrieb hat bereits Insolvenzantrag gestellt. „Trotz harter Sparmaßnahmen und Kurzarbeit für unsere Mitarbeiter konnten wir unser großes Tourismusunternehmen nicht neun Monate ohne nennenswerte Umsätze wirtschaftlich weiterführen“, hieß es von der Geschäftsführung Ende November. Finanzielle Reserven seien aufgebraucht und Kreditbelastungen nicht mehr zu stemmen.

Die Rettungsmilliarden verlängern das Leiden

Sind die Rettungen also notwendig? Aus Sicht der Betroffenen in der Branche auf jeden Fall: Tui-Chef Fritz Joussen warb auf der Hauptversammlung um die Zustimmung der Aktionäre zur Staatsbeteiligung mit der Argumentation, dass die Pandemie die Tui zwar „über Nacht zu einem Unternehmen ohne Produkt und ohne nennenswerten Umsatz“ gemacht habe. Doch das könne sich schnell wieder ändern, wenn die Pandemie überwunden werde. „Das integrierte Geschäftsmodell der Tui ist grundsätzlich intakt und in der besten Ausgangslage, um bei Lockerung der Reisebeschränkungen kurzfristig wieder einen profitablen Betrieb zu ermöglichen.“ Die Tui habe „eine sehr gute Perspektive“.

Digitalisierungsexperten wie Sibicki haben da so ihre Zweifel. Er spricht von der Disruption, die die Branche erreicht hat. Airbnb habe „den Markt kaputtgemacht und einen neuen geschaffen“. Das mit Erfolg: Während die Branche ächzt, konnte Airbnb Ende vergangenen Jahres ein Quartal mit schwarzen Zahlen vorweisen. „Wer den Kunden hat, hat die Marktmacht“, stellt Sibicki fest. Und da sind die Amerikaner nicht zu schlagen: Airbnb ist seit seiner Gründung 2008 mittlerweile in mehr als 34 000 Städten und rund 190 Ländern weltweit vertreten.

In ihrer jüngsten Studie kommt Tourism Watch, eine von „Brot für die Welt“ getragene Nachrichtenplattform für die Tourismusbranche, zu dem Ergebnis, dass ältere, gut etablierte Unternehmen wie Hotels oder Reiseveranstalter sich oft schwertun, Vorteile aus der Nutzung von Plattformen zu ziehen. Die Zeit laufe damit gegen die etablierten Anbieter. Um zu retten, was zu retten ist, bedürfe es allerdings nicht nur der Rettungsmilliarden. „Die Digitalisierung und die damit einhergehende Durchdringung des Tourismusmarktes durch Online-Plattformen erfordert starke und effektive Regulationsmaßnahmen. Die Politik muss die zunehmend ungleich verteilten Risiken eindämmen, die durch die Geschäftsmodelle der Plattformen entstehen“, schreiben die Autoren der Studie und zeigen damit auf, wo für Airbnb, den Fahrdienstvermittler Uber und andere aufstrebende Anbieter im Reisebereich derzeit das größte Risiko liegt: Der Staat kann regulierend eingreifen und damit dem Aufstieg der Tourismus-Plattformen zumindest verzögern.                

oli

07.01.2021 | 10:53

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