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Peter Terium (l.), stellvertretender Vorstandsvorsitzender der RWE AG, bei der Taufe des Offshore-Installationsschiffes "Victoria-Mathias".

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Schafft RWE jetzt die Wende?

Die Energiewende der deutschen Bundesregierung trifft den nordrhein-westfälischen Strom- und Gasanbieter RWE wie ein Schuss aus der Elektropistole. Die Gewinne brechen weg, die Aktienkurse ­fallen seit Quartalen massiv, die Analysten überbieten sich in Warnungen. Nun sind auch Massenentlassungen in den kommenden Jahren angekündigt. Der Riese strauchelt gewaltig.

Doch es gibt einen Hoffnungsschimmer. Denn die neue Große Koalition will die Energiewende korrigieren. Die massiven Fehlsubventionen in erneuerbare Energien sollen zurückgeführt werden, die Öko-Planwirtschaft stückweise dem Markt geöffnet werden. Denn auch Berlin blickt mit Sorge auf die Probleme der einstigen Vorzeigeunternehmen RWE und E.ON. Man hat erkannt, dass es Deutschland und den hiesigen Wirtschaftsstandort strategisch schwächen würde, wenn die beiden wichtigsten Energiekonzerne taumeln.

Die RWE-Aktie ist schon lange in den Strudel der schlechten Nachrichten geraten. Nach der Bekanntgabe der Ergebnisse des dritten Quartals ging der Aktienkurs wieder einmal bergab. Es könnte also aus Sicht von Anlegern gut sein, dass die Versorger-Papiere infolge der Koalitionsvereinbarungen ein kleines Comeback erleben.

Dass der Essener Energieriese RWE durch die Energiewende finanziell nicht mehr auf Rosen gebettet ist, war schon lange klar. Doch die eiserne Härte des Sparkurses, der Mitte November angekündigt wurde, hat selbst zahlreiche Experten überrascht. Wegen stark schrumpfender Gewinne streicht RWE bis 2016 weitere 6 750 Arbeitsplätze, davon 4 700 in Deutschland. Bereits zum Jahreswechsel wurde der konzernweite Personalstand von rund 67 400 auf 61 000 Stellen reduziert. Und das, obwohl die Essener von 2011 bis 2013 schon 6 200 Beschäftigungsposten abgebaut oder durch Verkauf abgegeben haben.

Angesichts der ernüchternden Prognose für das Jahr 2014 bleibt dem Energiegiganten allerdings kaum etwas anderes übrig, als diesen unangenehmen Schritt zu gehen. Der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschrei-
bungen (Ebitda) werde demnach auf 7,6 Mrd. bis 8,1 Mrd. Euro schrumpfen nach 9 Mrd. Euro 2013. Während RWE für das Geschäftsjahr 2013 von einem ­bereinigten Nettoergebnis von 2,4 Mrd. Euro ausgeht, rechnet man für 2014 nur noch mit 1,3 Mrd. bis 1,5 Mrd. Euro.

„Das ist das Tal der Tränen, da müssen wir durch“, kommentierte RWE-Konzernchef Peter ­Terium diese Ankündigungen. Entsprechend schockiert zeigten sich die Aktionäre des zweitgrößten deutschen Energiekonzerns: Die RWE-Papiere waren nach der Bekanntgabe der Zahlen für das dritte Quartal kurzzeitig um 8,8 % eingebrochen. Auch die Dividende ist von der Misere der Essener betroffen und wird um die Hälfte auf nur noch einen Euro je Aktie herabgesetzt. Da sie sich maßgeblich am drastisch sinkenden nachhaltigen Nettoergebnis orientiert, besteht nach Angaben des RWE-Managements bis auf Weiteres wenig Hoffnung für einen Anstieg der Ausschüttungen. Den wird es wohl erst geben, wenn es dem Weltkonzern aus dem Ruhrpott endlich gelingt, wieder auf die Beine zu kommen.

Dafür sollte RWE einen Blick auf regenerative Energien richten. Der dringend benötigte Strategiewechsel wird nicht konsequent genug umgesetzt. Obwohl sich die traditionellen Geschäftsmodelle mittlerweile überlebt ­haben, setzt der Versorger noch immer auf Stein- und Braunkohle und investiert kräftig in unaus­gelastete neue Kraftwerke, die durch den extrem gefallenen Börsenstrompreis kaum noch Gewinne abwerfen. Dennoch ist es unbestritten, dass konventionelle Kraftwerke noch lange Zeit für eine Versorgungssicherheit benötigt werden.

Hoffnung für die Kraftwerkssparte

Und genau da liegt die große Hoffnung der Kraftwerkssparte. Bislang konnten die Ökostrom-Anbieter bloß produzieren und kassieren – und sich immer auf die notwendigen Systemdienstleistungen der großen Konzerne wie RWE verlassen, die für ein stabiles Stromnetz sorgten, das unabhängig von der schwankenden Produktion aus Windkraft- und Solaranlagen funktioniert. Diese „Versicherungsleistung“ könnte jetzt aber endlich Geld in die Kassen der Kraftwerksbetreiber bringen. Wer stets schwankenden Ökostrom einspeist, soll sich in Zukunft an einem neuen Kapazitätsmarkt zusätzlich eine gesicherte, steuerbare Kraftwerksleistung dazukaufen müssen. Setzt die Bundesregierung dieses Konzept um, wird RWE einen Großteil seines Kraftwerkparks halten können.

Trotz dieses Hoffnungsschimmers blicken die meisten Analysten skeptisch in die Zukunft des Essener Energieriesen. Die französische Großbank Société Générale hat das Kursziel für RWE von 21 Euro auf 20 Euro ­gesenkt und die Einstufung auf „sell“ belassen. Die Ergebnisse des Versorgers in den ersten neun Monaten 2013 hätten zwar seinen sowie den Marktprognosen entsprochen, schrieb Analyst Alberto Ponti Mitte November in einer Studie. Das Öl- und Gasfördergeschäft sowie der Bereich erneuerbare Energien hätten operativ jedoch unter den Erwartungen gelegen. Sie erklärten zum Teil auch den schwächer als erwartet ausgefallenen Ausblick. Ponti senkte seine Ergebnisprognose je Aktie für 2014 um 20 %. Adam Dickens von der britischen Investmentbank HSBC erwartet, dass es im neuen Geschäftsjahr keine deutliche Gewinnerholung geben werde. Seine favorisierten Werte im Energiesektor sind daher EDF und Enel, bei den deutschen Stromerzeugern jedoch bleibt er weiter vorsichtig.

Auch die Schweizer Großbank UBS sieht die Zukunft des Energieriesen kritisch. Sie hat die Einstufung für RWE auf „sell“ mit einem Kursziel von 19 Euro belassen. 2014 dürfte anders als vom Versorger dargestellt und trotz der Kostensenkungen noch nicht den Tiefpunkt der Ergebnisentwicklung markieren, meinte UBS-Analyst Patrick Hummel. Zugleich habe das Unternehmen in der Stromerzeugung nur niedrige operative Gewinne (EBIT) in Aussicht gestellt. Der Experte geht davon aus, dass der Gewinn je Aktie bis zum Jahr 2016 weiter zurückgeht.

wim/hp

06.01.2014 | 10:43

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