Anzeige
Illustration: Shutterstock.

Illustration: Shutterstock.

Anzeige

Wahrung der digitalen Souveränität

Wie Wissenschaft und Wirtschaft gemeinsam an der vierten industriellen Revolution arbeiten, um Deutschland wettbewerbsfähig zu halten. Gastbeitrag von Prof. Reimund Neugebauer, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft.

Innovationen sind Dreh- und Angelpunkt einer prosperierenden Wirtschaft: Im globalen Innovationswettbewerb kommen ständig neue Akteure und Treiber hinzu, vielerorts werden die Karten neu gemischt. So verschieben sich Innovationszentren in den Bereichen der Unterhaltungselektronik, Photovoltaik und Elektromobilität vor allem nach Asien; in den Ballungsräumen entstehen Trends wie urbane Produktion, urbanes Farming und Mining. Auch in puncto einer effizienteren Nutzung von Ressourcen sind neue Technologien gefragt, die dabei helfen, einen Ersatz für die endlichen Ressourcen zu finden und Wirtschaft und Produktion nachhaltig zu gestalten.

Ein zentraler Dreh- und Angelpunkt im Innovationswettbewerb ist die Digitalisierung. Sie bietet immense Chancen und Möglichkeiten, im industriellen ebenso wie im kulturellen Bereich. So lassen sich durch sie etwa Kulturschätze für die Nachwelt erhalten, wenn das Original zerstört werden sollte: Unter anderem scannten Fraunhofer-Forscher jüngst den Pergamon-Altar im gleichnamigen Museum in Berlin ein und digitalisierten ihn.

Um viele der wichtigen und zukunftsträchtigen Technologiefelder ist es jedoch nicht allzu gut bestellt in Deutschland – unsere Anschlussfähigkeit ist gefährdet. Soll unser Land weiterhin wettbewerbsfähig bleiben, müssen wir zahlreiche Herausforderungen bestehen. Wie groß der Handlungsbedarf gerade im Bereich der IT, Software und Hardware ist, zeigen folgende Fakten: Google kauft Robotikfirmen wie Boston Dynamics und Haustechnikfirmen wie Nest auf und dringt in den Bereich Automobil vor – das Google-Roboter-Auto hat inzwischen über 1 Mio. Kilometer unfallfrei hinter sich gebracht. Wirft man einen Blick auf die Top Ten der Softwarefirmen, so stammen neun aus den USA, nur eine einzige deutsche Firma, SAP, hat es unter die zehn besten geschafft und belegt Rang vier.

Auch was die künstliche Intelligenz angeht, liegen Unternehmen aus den USA an der Spitze: Google, Apple, IBM und Microsoft investieren stark in fortschrittliche künstliche Intelligenz. China positioniert sich ebenfalls weit oben: Die chinesische Suchmaschine Baidu eröffnet ein großes Forschungszen­trum im Bereich der künstlichen Intelligenz. Kurzum: Gerade was die IT und die daran hängende Cyber-Sicherheit angeht, sind wir stark von ausländischer Software, IT-Technik und Hardware abhängig.

Wie lässt sich dieses Problem lösen? Nur indem Deutschland in Zukunftstechnologien investiert und sie wettbewerbsfähig umsetzt. Besonderes Augenmerk muss dabei auf dem Technologietransfer in Anwendung und Industrie liegen. Wir müssen die Erforschung und Entwicklung von Technologien forcieren. Nur eine kontinuierliche anwendungsorientierte Forschungsarbeit ermöglicht es, dass wir im Wettbewerb an der Spitze bleiben und so unseren Wohlstand sichern. Um die Herausforderungen zu bewältigen, sind auch stabile und verlässliche politische Rahmenbedingungen notwendig: Es gilt, Forschung und Entwicklung ebenso zu fördern wie Technikakzeptanz und Gründungskultur sowie die Offenheit und Anpassungsfähigkeit des Innovationssystems.

Neue Chancen für IT-Dienstleister

Ein zukunftsträchtiger Bereich, in dem sich momentan neue Chancen für deutsche Dienstleister bieten, ist Cloud Computing. Unternehmen nutzen dabei Rechen- oder Speicherkapazität im Internet oder laden benötigte Software aus der Cloud. In Deutschland nutzten im Jahr 2012 bereits 37 % aller Unternehmen Cloud Computing, wie Bitkom und die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG in ihrem „Cloud Monitor 2013“ darstellen. Bei Großunternehmen mit über 2 000 Beschäftigten lag der Anteil sogar bei 65 %, Tendenz steigend.

Doch diese Entwicklung hat auch eine Kehrseite: Viele Unternehmen befürchten, dass ihre Daten in einer öffentlichen Cloud nicht sicher sind und Unberechtigte auf sensible Firmendaten zugreifen – insbesondere nach dem NSA-Skandal. Die Information Technology & Innovation Foundation ITIF erwartet daher, dass amerikanische Anbieter in den kommenden drei Jahren 35 Mio. US-Dollar weniger Umsatz machen werden.

Für deutsche Unternehmer eröffnen sich damit neue Chancen. Das A und O für ein funktionierendes Cloud Computing sind die Sicherheitsvorkehrungen. Fraunhofer-Forscher arbeiten bereits an Lösungen. So haben sie etwa zusammen mit der Uniscon GmbH und der SecureNet GmbH eine besonders versiegelte Infrastruktur entwickelt, die Sealed Cloud. Ein ganzes System von Sicherheitsvorkehrungen verhindert dabei, dass Unbefugte auf die dort abgelegten Daten zugreifen können. Auch das Senden und Empfangen von Daten in und aus der Cloud auf mobile Geräte schützen die Wissenschaftler: Unter dem Namen CyphWay haben sie eine abgeschirmte Datenautobahn entwickelt, die Hackerangriffe erfolgreich abwehrt.

Cyber-Sicherheit „made in Germany“

Für die deutsche Forschung und Wirtschaft eröffnet sich somit die Chance, mit Cyber-Sicherheit „made in Germany“ einen wesentlichen und nachhaltigen Beitrag zum Erfolg des Standorts Deutschland zu leisten. Dies umfasst sowohl die Sicherheit der Wirtschaft, des Staats und auch Europas und der einzelnen Bürger, als auch die Vermarktung von neuartiger Sicherheitstechnologie auf dem Weltmarkt. Denn die deutsche Wirtschaft verfügt über herausragende Fähigkeiten im Bereich der Systemintegration: Preisgünstige Komponenten des Weltmarkts werden mit hochwertigen Eigenentwicklungen zu einzigartigen Gesamtsystemen mit gutem Preis-Leistungs-Verhältnis verknüpft.

Die Wirtschaft steht vor großen Herausforderungen: Die vierte industrielle Revolution, Cloud Computing, Smart Data und das Internet der Dinge beginnen nicht nur die Produk­tion, sondern auch klassische Geschäftsmodelle nachhaltig zu verändern. Die Fraunhofer-Gesellschaft und Partner aus der Industrie starteten gemeinsam mit Unterstützung der Bundesregierung ein Vorhaben, um einen international offenen Datenraum für die Wirtschaft zu schaffen – den Industrial Data Space. Zugang und Nutzung sollen für alle Unternehmen offen sein, die sich an die gemeinsamen Standards halten. Ziel ist es, sichere Lösungen für die alles durchdringende Digitalisierung und den damit einhergehenden rasanten Wandel von industriellen Produktions- und Geschäftsprozessen zu entwickeln.

20.06.2015 | 09:24

Artikel teilen: