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Nicht nur im Rolls-Royce: Fast in jedem Auto steckt ein Teil von Schlemmer. (Foto: Naiyyer/Shutterstock.com)

Nicht nur im Rolls-Royce: Fast in jedem Auto steckt ein Teil von Schlemmer. (Foto: Naiyyer/Shutterstock.com)

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Wenn der Zufall Pate steht

Mit ihren Bad-Brauseschläuchen machte die oberbayerische Schlemmer Group MAN-Lkws für Flussdurchquerungen tauglich. Was mit einer glücklichen Fügung begann, ist heute ein globales Unternehmen mit einem Millionenumsatz.

Die Geschichte des oberbayerischen Mittelständlers Schlemmer ist ebenso ungewöhnlich wie typisch für den Mittelstand. Der Name des Global Players ist kaum bekannt, und doch dürften in fast allen Fahrzeugen vom Rolls-Royce Phantom bis zum ­Tata Nano Teile des Automobilzulieferers eingebaut sein.

1954 von Josef Schlemmer gegründet, war das Unternehmen als Handelsgesellschaft für Bad- und Installationsmaterialien durchaus erfolgreich. Der Weckruf kam 1978 mit einem Anruf von MAN. Für einen Auftrag der Bundeswehr sollte der Münchner Hersteller Lkws liefern, die Gewässer mit 1,20 Metern Tiefe durchfahren konnten. Bei den Tests wurde regelmäßig die Bord­elektronik funktionsuntüchtig. Auf der Suche nach einer Lösung stießen die MAN-Tüftler auf die Schlemmer-Schläuche, mit denen das Problem behoben werden konnte. Das war die Geburtsstunde der zukünftigen Tätigkeit des damals noch sehr kleinen Mittelständlers: der Herstellung von Kabelschutzsystemen.

Recht schnell erweiterte sich der Kundenkreis der Schlemmer Group. Bereits in den 1980er-Jahren sah sich der Zulieferer vor der ­Herausforderung, zusammen mit der deutschen Automobil­industrie ins Ausland zu expandieren. Eine Fertigungsstätte nach der anderen wurde eröffnet. Die ersten ausländischen Dependancen waren in Asien, erst dann folgte Europa mit Italien und Spanien. Weitere Stationen waren China, Japan, die USA, Brasilien, Russland und Dubai. Mittlerweile ist das Unternehmen mit Produktionsstätten in zwölf Ländern präsent, verfügt über einen weltweiten Vertrieb und hat 2 000 Mitarbeiter. Der Umsatz betrug im Geschäftsjahr 2013 240 Mio. Euro und der EBIT lag bei ordentlichen 10 %. Der Unternehmensgründer ist längst ausgeschieden, Hauptaktionär ist die Hannover Finanz, eine Investorengruppe von Versicherungen, Banken und vermögenden Privatleuten.

Zu abhängig von der Kfz-Industrie

Viele Jahrzehnte ging der Aufstieg der Schlemmer Group, die in diesem Jahr 60 Jahre alt wird, kontinuierlich nach oben. Der Einbruch der weltweiten Automärkte infolge der Finanzkrise machte der Geschäftsführung allerdings schmerzlich die große Abhängigkeit von der Kfz-Industrie bewusst. In der Folge versuchten Josef Minster, CEO, und Christian von der Linde, CFO des Unternehmens, die Aktivitäten zu diversifizieren. Sie erweiterten die Kundenkreise in angrenzende Bereiche, zum Beispiel den Maschinenbau, die Logistikindustrie oder zu Herstellern von weißer Ware.

Auch der Aufbau eines weiteren Geschäftsbereichs, der Umwelttechnik, dient dazu, die Aktivitäten auf eine breitere Basis zu stellen. „Die Idee dazu kam aus der Belegschaft“, erzählt Schlemmer-Chef Minster. Mitarbeiter hatten zunächst in privater Initiative Solarabsorber für Planschbecken entwickelt. Sie nutzten die Erkenntnis, dass sich Wasser in den schwarzen Schlemmer-Schläuchen innerhalb kürzester Zeit stark erwärmt. Unter Einsatz eines Wärmetauschers war der Prototyp „Sunny“ geboren. Mittlerweile wurden diese Ansätze im Unternehmen weiterentwickelt. Mit den Folgeprodukten können ganze Schwimmbecken beheizt werden. Die Technologie wurde zum Beispiel im Freizeitpark Helgoland eingesetzt. Und die Entwicklung geht weiter: Nächster Schritt ist eine Art Solarzaun. Dabei werden die wassergefüllten Schläuche zu einem Drittel über der Erde und zu zwei Dritteln unter der Erde geführt und nutzen auf diese Weise Solar- und Tiefenwärme. „Mit einem ,Zaun‘ von nur zehn Metern Länge kann ein ganzes Einfamilienhaus für drei Personen versorgt werden“, erläutert von der Linde.

In der Produktpalette der Schlemmer Group schlummert nach Ansicht der Geschäftsführung noch viel Potenzial. Im Mittelpunkt der Agenda für die nächsten Jahre steht deshalb der Aufbau eines Forschungszentrums am Standort Poing. Ziel ist die Stärkung der neuen Geschäftsbereiche, aber auch die Erweiterung der Autozuliefersparte. In Zukunft sollen nicht nur einzelne Teile, sondern ganze Komponenten – zum Teil gemeinsam mit den Auftraggebern – entwickelt werden. Um sich entsprechendes Know-how zu sichern, sollen auch Partnerschaften mit Universitäten geschlossen und Netzwerke mit Ingenieurgesellschaften geknüpft werden. Denn die Ziele bis 2020 sind hoch: Der Umsatz soll auf 400 Mio. Euro steigen und die Mitarbeiterzahl auf 3 000 erhöht werden.

hp

19.07.2014 | 14:53

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