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Wirecard: Aktienskandal mit bösen Folgen

Der Zahlungstechnologie-Dienstleister Wirecard AG handelt leider nicht mit umweltfreundlichem Holzspielzeug. Wäre dies nämlich sein erwähltes Metier, könnte man fast – aber auch nur fast – Verständnis aufbringen dafür, dass der Konzern entweder jahrelang nach Strich und Faden aufs Kreuz gelegt wurde, oder aber sehenden Auges Millionengeschäfte mit Betrügern machte.

Es ist schwer zu sagen, für welchen Zeitpunkt etwa Vorstandschef Markus Braun damit rechnete, dass ihm der Laden auseinanderfliegt. Aber irgendwann so um die Jetztzeit herum dürfte es wohl gewesen sein. Der Langzeitboss, der etwa sieben Prozent der Aktien des Unternehmens besitzt, ist entweder völlig frei von Wertschätzung des Geldes, seiner Mitaktionäre, Mitarbeiter und Kunden, oder unglaublich ahnungslos. Gemessen am Schlusskurs der Wirecard-Aktie am Aschheimer D-Day, dem 18. Juni, legte der Konzern den zweithöchsten Tagesverlust eines Dax-Wertes überhaupt hin, noch größere Wertvernichtung schaffte zuvor nur die Hypo Real Estate im Umfeld der Finanzkrise vor zwölf Jahren. Auch so ein Finanzkonzern ohne Peilung, damals.

Mit Wirecard war es aber eigentlich schon kurz nach der Aufnahme in den Dax 2018 unstetig bergab gegangen. Das Asiengeschäft des Konzerns, wichtige angebliche Ertragsperle, wies immer wieder Absonderlichkeiten auf. Da wurde in Indien eine Firma für 340 Millionen gekauft, die kaum Umsatz ablieferte, da waren Treuhänder in Singapur nicht mehr auffindbar und Fonds auf Mauritius geheimnisvolle Partner, und nun sind wohl 1,9 Milliarden irgendwo im indisch-singapurischen Nirwana, welche doch auf Treuhandkonten liegen sollten, für die es aber keine Bestätigung der angeblich kontoführenden Banken gibt. Kurzum, Wirecard ist auf seinem höchst eigenen Geschäftsfeld entweder einem gigantischen Betrug aufgesessen und hat es da wohl offensichtlich Betrügern sehr leicht gemacht. Fast hat man den Eindruck, Wirecard-Verantwortliche würden auch am Telefon auf den simpelsten Enkeltrick hereinfallen oder auf Internet-Betrugsschemata wie „Fake President“: Wenn man bei 1,9 Milliarden nicht hin und wieder mal nachsieht, ob die wirklich noch da sind, was kann man da noch erwarten?

Immerhin erfuhr die erstaunte Öffentlichkeit am Donnerstag auch, dass es wohl bei Wirecard einen Organisationsvorstand gegeben haben muss, denn der wurde nun nach Hause geschickt: Jan Marsalek hieß er und war auch für Asiengeschäfte verantwortlich. Sollte er die tatsächlich zwischendurch mal, wenn das Organisieren Zeit dafür ließ, im Auge gehabt haben, dürfte er mit vielen alten Wirecard-Bekannten zu tun gehabt haben. Nach Recherchen der „Wirtschaftswoche“ jedenfalls tummelten sich rund um den Wirecard-Zapfhahn zahlreiche ehemalige und aktuelle Mitarbeiter, durch Firmen miteinander und dann mit Wirecard verbunden.

Derweil spielt Wirecard-Chef Braun weiterhin die verfolgte Unschuld, erfährt allerdings kaum Mitleid. Diverse Staatsanwaltschaften und Aufsichtsbehörden ermitteln gegen ihn, der doch angibt, so böse hintergangen worden zu sein. Wenn, wie tatsächlich zu vermuten ist, Geldbesitz ihm nicht das geringste bedeutet, dann sind ihm natürlich auch der persönliche Multimillionenverlust, endgültige Rufschädigung und der Aufruhr der letzten Woche herzlich egal. Die Öffentlichkeit darf rätseln, ob ihm denn die Geschäfte seiner Firma etwas bedeuten, denn die stehen ja nun wohl auch auf der Kippe. Denn nicht nur das Vertrauen der Aktionäre ist verschwunden, sondern auch die Kunden und Geschäftspartner sind alarmiert. Finanzdienstleister ohne Ahnung von finanziellen Dingen sind halt schon etwas gewöhnungsbedürftig.

Das gilt natürlich auch für das, was Wirecard irrtümlicherweise als Presse- und Öffentlichkeitsarbeit betrachtet. Markus Braun, eher wohl das Gegenteil eines Kommunikators, besaß nicht einmal Gespür genug dafür, dass man als Dax-Mitglied so etwas wie eine funktionierende PR besitzen sollte. Der Chef machte das anscheinend lieber weitgehend selbst, delegierte nur die Übergabe dürrer und meist nichtssagender bis rätselhafter Bekanntmachungen an die Medien und war offenbar nicht einmal in der Lage, die Anforderungen simpler Adhoc-Mitteilungen geistig zu erfassen – auch da ermitteln die Behörden: Zu wenig, zu spät kam da immer aus Aschheim. Selbst beim 60-Prozent-Kursverlust reichte es nur zu wenigen Wörtern schwammiger Provenienz.

Dass die für den 18. Juni nach etlichen Verschiebungen angekündigten Bilanzzahlen für 2019 an diesem Tag nicht vorliegen würden, fiel Herrn Braun erst so am fortgeschrittenen Vormittag plötzlich ein. Wie um alles in der Welt dieser Unternehmenslenker anlässlich der letzten Verschiebung noch erzählen konnte, man werde im Juni ein vollwertiges Testat der Wirtschaftsprüfer vorlegen können, ist mit rationalen Erwägungen nicht mehr erklärbar. Weder KPMG als selbst bestellter Sonderprüfer für die Vorjahre, noch EY für 2019 konnten ihre Fragen hinreichend beantwortet bekommen und kommunizierten das auch sehr deutlich, schon zum Selbstschutz: Nicht einmal einen funktionierenden Terminplaner gab es da wohl in Aschheim.

Es muss mühsam gewesen sein mit den Wirecard-Leuten. Dass die Konkurrenz, darunter Shooting-Star Adyen, sich innerhalb und außerhalb der Börse nur noch freuen, ist wohl verständlich. Wirecard kam einst aus der Finanzierung der Glücksspiel- und Internet-Porno-Branche. Das ist nur fast, aber nicht ganz vergessen. Und womöglich gibt es ja für einen Nischenplayer in Zukunft auch dort noch ein Auskommen? Zurück zu den Wurzeln ist ja kein allzu schlechtes Motto. Und damit verschwände Wirecard dann hochverdient im Nebel der Wirtschaftsgeschichte.  

Reinhard Schlieker

19.06.2020 | 11:58

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