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Die fünf Lehren vom Erhard-Gipfel

Wirtschaftsführer und Spitzenpolitiker diskutierten beim Ludwig-Erhard-Gipfel über Trump, Brexit, die Mobilität der Zukunft und Deutschlands Rolle in der digitalen Welt. Und was das 2017 für die Finanzmärkte bedeuten wird.

Hier geht es zu der Bildergalerie vom Ludwig-Erhard-Gipfel 2017.

Es war ein prominenter Jahresauftakt für Entscheider. Wirtschaftsführer und Spitzenpolitiker trafen sich zum Erhard-Gipfel am Tag der Amtseinführung von Donald Trump. Es lag darum konzentrierter Ernst und der Wille zum Klartext in der Gipfelluft vom Tegernsee. Fünf wichtige Leitlinien für das Jahr 2017 wurden sichtbar.

1. Die Risiken steigen

Brexit, Migrationskrise, Ukrainekrise, IS-Terrorismus, Syrienkrieg - das politische Umfeld ist ungemütlich. Doch das neue Jahr beginnt mit neuen Unwägbarkeiten und einem neuen Präsidenten in den USA, der den Neo-Nationalismus zum Programm erklärt. Mehrere Redner des Erhard-Gipfels sorgten sich in Anbetracht von Donald Trump vor Protektionismus und neuen Handelskriegen. Der CDU-Politiker und Aufsichtsratsvorsitzender von Black Rock Deutschland, Friedrich Merz, warnte vor einer Verschlechterung der transatlantischen Beziehungen und den negativen Folgen eines Scheiterns von TTIP.

Die Ministerpräsidentin des Saarlandes, Annegret Kramp-Karrenbauer, sieht im Brexit ein Alarmsignal für die Zukunft Europas. Es stünden Schicksalswahlen an - in Holland, in Frankreich und auch in Deutschland gehe es bei den diesjährigen Jahren um historische Weichenstellungen. Immer mehr Gesellschaften des Westens wirkten destabilisiert und polarisiert. Immer häufiger dürften extreme Parteien Wahlerfolge verbuchen. Immerhin: Francois Fillon galt vielen Gipfelteilnehmern als ein Hoffnungskandidat für Frankreich - und in Deutschland repliziere sich auch die politische Mitte. Ohnedies falle Deutschland die Rolle eines internationales Stabilitätsankers zu.

2. Europa braucht Reformen

Der Brexit gilt für Europa als Fanal - unter Ökonomen wie Politikern wird mit weit reichenden Folgen gerechnet. Anders als die offizielle EU-Politik übten viele Gipfelteilnehmer allerdings nicht Kritik an Großbritannien. Vielmehr forderten Redner einen neuen europäische Bund mit London. Der FDP-Vorsitzender Christian Linder mahnte Reformen innerhalb der Europäischen Union an. Die EU habe selber zu viele Fehler in den Beziehungen zu Großbritannien gemacht. Die Strukturdefizite der Union seien offenbar geworden, Selbstkritik sei jetzt dringend nötig.

Auch Vertreter der Industrie mahnten, es sei hohe Zeit, das europäische Haus neu zu denken und neu zu bauen. Europa werde dringend gebraucht, doch das neue Europa müsse in Kernaufgaben (Sicherheit, Freihandel, Grenzschutz und Außenpolitik) stärker werden, in Randaufgaben sich aber besser subsidiär bescheiden. Deutschland falle die Aufgabe zu, das britische Element nicht völlig aus Europa zu verbannen, sondern die Türen möglichst weit offen zu halten. Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, mahnte, dass man in bewegten Zeiten die Wertegrundlage Europas, seiner Freiheit und Toleranz nicht aus den Augen verlieren dürfe.

3. Die Finanzmärkte sind trotzdem optimistisch

Trotz der steigenden politischen Risiken sind die Vertreter der Banken- und Finanzbranche grundsätzlich optimistisch für die weitere Entwicklung der Finanzmarkte. In Anbetracht der weiterhin niedrigen Zinsen wird insbesondere Aktien eine positive Perspektive zugesprochen. Der Chief Investment Officer der Hypo-Vereinsbank, Oliver Postler, sagt „ein anziehendes wirtschaftliches Momentum“ voraus. Die bei manchen Anlegern unerwartete „Trump-Jump“ könne sich fortsetzen. Insgesamt sei der Aufschwung beiderseits des Atlantiks intakt. Da viele Anleger aber derzeit eher pessimistisch seien, bleibe die Rückschlagsgefahr für die Aktienmärkte gering. Tendenziell schlechte Sentiments seien, so der Prognostiker, eigentlich eine gute Nachricht, denn: „Die Aufwärtsbewegungen der Aktien- märkte sterben in der Euphorie.“

Auch die Gewinnperspektiven der börsennotierten Unternehmen wird weithin optimistisch bewertet. Auf dem Gipfel erklärten führende Wirtschaftsforscher wie der Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther und der Chefvolkswirt der Allianz, Michael Heise, das die Wachstumserwartungen 2017/18 positiv seien. Das stärkere Zutrauen in den globalen Aufschwung sei die zentrale makroökonomische Stütze für die Aktienmärkte. Und weil die Frühindikatoren wie zum Beispiel der Ifo-Index weiter nach oben gerichtet sein sollten, ergäben sich Spielräume für eine Bewertungsausweitung.

Der Deutschland-Chef von Black Rock sah ebenfalls keinen Grund für Panik. Insbesondere für Deutschland kommt er zu einer günstigen Analyse. Flexibilität in der Gesellschaft und in den Firmen machten ihm dabei Mut. Er gab zu bedenken, dass das Wirtschaftswachstum in Deutschland seit Jahren stärker sei als in den USA. Staub ließ auch durchblicken, dass die Präsidentschaft von Donald Trump auch positive Aspekte haben könnte. So sei eine Deregulierung der Märkte, vor allem im Bankensektor, denkbar. Dazu komme ein Fiskalprogramm mit öffentlichen Investitionen, dessen zunächst geplante Größe für Überraschung sorgen könne. Die Schwankungsbreite werde, so der BlackRock-Chef, angesichts des neuen Stil im Weißen Haus jedoch deutlich zunehmen, aber von Rücksetzern sollten sich Privatanleger wie Institutionelle nicht beeindrucken lassen: „Das sind Kaufgelegenheiten!“

Der Vorstandssprecher des Bankhauses Donner & Reuschel, Marcus Vitt, wies darauf hin, dass deutsche Anleger viel zu passiv seien. Es lägen gewaltige Sparsummen auf unverzinslichen Tagesgeldkonten. Gerade in bewegten Zeiten gelte „Abwarten ist eine schlechte Option“. Vitt erinnerte daran, dass es derzeit rund um den Erdball lukrative Anlagechancen gäbe. Sein Haus habe im Verlauf des vergangenen Jahres auch die Aktienquoten für die Anlageportfolios deutlich erhöht. Die Aktie bleibe auch 2017 - trotz zu erwartender Marktschwankungen - eine zentrale Anlageklasse.

4. Deutschland ist überreguliert

Trotz der guten konjunkturellen Lage wird die Lage aus immer mehr Branchen laut, dass Deutschland seine starke Wettbewerbsposition durch falsche Politiken riskiere. Die VKU-Hauptgeschäftsführerin, Katherina Reiche, kritisierte insbesondere die Fehlwirkung der planwirtschaftlichen Energiewende. Gewaltige Milliardenbeträge an Subventionen würden verschwendet, die Entwicklung neuer Technologien aber gebremst. Selbst hochmoderne und klimafreundliche Gaskraftwerke und Gasnetze würden unter der Fehlsteuerung leiden. Reiche kritisiert zugleich die mangelnden europäische Abstimmung bei der Energiewende.

Der Chef des Münchner Flughafens Michael Kerkloh sowie der CSU-Spitzenpolitiker Peter Ramsauer warben für eine mutigere Entwicklung der Infrastruktur. Deutschland müsse mobil bleiben, um seinen Wohlstand auch in Zukunft zu sichern. Beide plädierten unter anderem für den Ausbau der dritten Startbahn am Münchner Flughafen. Ramsauer prognostiziete: „Die Startbahn wird kommen, und es gut dass sie kommt.“

Der FDP-Vorsitzende Lindner warnte insbesondere vor einem grünen Regulierungs- und Bevormundungswahn. Die neuen Klimapläne der Bundesregierung seien ideologische Planwirtschaft „wie sie nicht einmal die DDR gewagt hätte“. Der Vorstandsvorsitzende von BP, Wolfgang Langhoff, kritisierte, dass die Politik einseitig bestimmte Technologien - wie etwa die E-Mobilität - bevorzuge und damit Märkte verzerre und die Durchsetzung alternativer Technologien (zum Beispiel neue, umweltverträgliche Brennstoffe) behindere.

Mehrere Mittelstandsvertreter beklagen eine zunehmende Bürokratisierung in Deutschland. Der Vorstandsvorsitzende der Kreissparkasse Miesbach-Tegernsee, Martin Mihalovits, warnte eindringlich vor einer Überregulierung der deutschen Finanzbranche. Die Bankenaufsicht werde zusehends restriktiv, der Verbraucherschutz zeige bürokratische Auswüchse und die Eigenkapitalvorschriften würden immer weiter verschärft. Diese Tendenz werde dazu führen, dass sich die Kreditvergabe an die deutsche Wirtschaft verlangsame. Mihalovits wies zudem darauf hin, dass es zu internationalen Wettbewerbsverzerrungen komme, wenn Deutschland mit den strengsten Regeln seine Finanzwirtschaft reguliere, viele andere Industrieländer aber den Bankenbranche größere Freiräume lasse. Insbesondere die angelsächsische Welt sei bei Eigenkapitalvorschriften liberaler als Deutschland, dies werde die hiesige Finanzindustrie und im Gefolge auch die Breite der deutschen Wirtschaft strategisch schwächen.

Der Vorstandsvorsitzende des Tabakkonzerns BAT Deutschland, Ralf Wittenberg, schilderte eindrucksvoll, dass Regulierungen alter Produktwelten wie der Zigarette von der Politik undifferenziert auf neue wie die E-Zigarette übertragen werde. Deutschland sei in seinen Vorschriften restriktiver und innovationsfeindlicher als viele andere Länder. In Großbritannien würde hingegen der klassische Zigarettenkonsum extrem stark reguliert, die neuen und gesunden E-Zigaretten hingegen durch eine gezielte Liberalisierung gefördert.

5. Die deutsche Industrie ist stark und kann „digital“ doch

Die Spitzenvertreter der Industrie präsentierten sich selbstbewußt und sagen für 2017 einen robusten Aufschwung voraus. Technologieunternehmen wie Infineon, vertreten durch das Vorstandsmitglied Helmut Gassel, berichten von guten Geschäften dank einer offensiven Technologieorientierung. Deutschland könne auch digital  - insbesondere in den industrienahen Segmenten seien die Perspektiven hervorragend. Auch der Vorstandsvorsitzende von KraussMaffei Group, Frank Stieler, sieht die zunehmende Digitalisierung als erhebliche Wachstumschance für die deutsche und europäische Industrie. Gassel wie Stieler finden: Durch die jahrzehntelange Kompetenz im Bereich Maschinenbau und industrieller Fertigung – insbesondere bei der Automobilproduktion – verfügen Deutschland und Europa über einen wichtigen Wettbewerbsvorteil.

Industrie 4.0 sei die nächste Stufe der Digitalisierung in der industriellen Fertigung: die Vernetzung von Wertschöpfungsstufen in Echtzeit. Die Produktion der Zukunft – Smart Manufacturing – sei schnell, effizient und flexibel. Produkte und Fertigungsprozesse steuern und optimieren sich selbst, reagieren in Echtzeit auf individuelle Wünsche und Anforderungen. Gassel resümiert: „Deutschland und Europa haben einen gewichtigen Standortvorteil: Die europäische Industrie ist gut vernetzt und verfügt über umfassende Kompetenzen entlang der Wertschöpfungskette. Wir verfügen über eine jahrzehntelange Kompetenz im Bereich Maschinenbau und langjährige Erfahrung in der industrieller Fertigung sowie der Beherrschung komplexer Systeme wie der Automobilproduktion. Im „Dinge machen“ sind wir gut.“

Stieler warb für eine globalisierungs-offene Grundhaltung Deutschlands. Auch chinesische Investoren könnten - wie im Paradefall KraussMaffei - positiv wirken für ein deutsches Traditionsunternehmen. Häufig seien langfristig orientiert Partner wie die Chinesen für deutsche Spitzenunternehmen bessere Partner als kurzfristig orientierte Übernahmeinvestoren aus dem angelsächsischen Raum.

25.01.2017 | 12:00

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