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Ford-Werke, Bernhard Mattes

Bernhard Mattes, Präsident der AmCham Germany und Vorsitzender der Geschäftsführung der Ford-Werke GmbH. Fotorechte: AmCham

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Deutschland muss attraktiv bleiben

Bernhard Mattes, Präsident der American Chamber of Commerce in Germany, erläutert die Hintergründe des Phänomens Trump. In dem Gastbeitrag mahnt Mattes, zugleich Chef von Ford Deutschland, den Wandel zu Industrie 4.0 aktiver zu gestalten.

Am 8. November 2016 wird der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt. Die Amerikaner werden entweder die Demokratin Hillary Clinton oder den Republikaner Donald Trump ins Weiße Haus wählen. Mittlerweile ist der Wahlkampf in den Vereinigten Staaten vollständig entbrannt. Viele Europäer blicken verwundert über den Atlantik und fragen sich, wie es insbesondere umstrittenen Kandidaten wie Donald Trump gelingt, im Wahlkampf so viel Zustimmung zu erhalten.

Der starke Fokus auf Personen und Persönlichkeiten, die Charakterisierung der beiden Parteien als big tents – die thematisch sehr breite Ausrichtung, um möglichst viele Wähler unter ihrem Dach zu vereinen – sowie das System der Vorwahlen mit Wahlmännern, Caucuses und Primaries, haben daran sicher ihren Anteil. In den Vorwahlen sind ideologische Wähler besonders aktiv. Für die Kandidaten gilt es daher zu überzeugen und tendenziell striktere Positionen zu vertreten.

Nach der Nominierung müssen beide Kandidaten zwangsläufig inhaltlich und rhetorisch moderater werden – denn Wahlen werden auch in den USA immer noch in der Mitte der Gesellschaft entschieden. Aktuelle Umfragen bestätigen dies: 42 % der Wähler bezeichnen sich als independents – sie sind weder ­registrierte Demokraten noch Republikaner und somit jene Wechselwähler, die es für den Sieg zu gewinnen gilt.

Sind diese notwendige Lagerbildung und Vereinfachung von Wahlbotschaften eine entscheidende Rahmenbedingung für den bisherigen Wahlverlauf, ist die gesellschaftliche Polarisierung in den USA eine treibende Komponente. Insbesondere „Anti-Politiker“, wie der ehemalige demokratische Bewerber Bernie Sanders oder der Repu­blikaner Trump, profitierten von diffusen Ängsten der amerikanischen Bürger vor Globalisierung, Einwanderern und damit einhergehenden Veränderungen, sozialen Abstiegssorgen und einer wachsenden Enttäuschung über die Arbeit der gewählten Volksvertreter. Wie das Marktforschungsinstitut Gallup belegt, bewegen sich die Zustimmungsraten zur Arbeit des Kongresses bereits seit Jahren im niedrigen zweistelligen Bereich. Mehr als drei Viertel behaupten, wirtschaftlich schlechter dazustehen als vor vier Jahren und einen pessimistischen Blick in die Zukunft zu haben. Eine bis vor Kurzem relativ hohe Arbeitslosenquote, eine schwächer werdende Mittelschicht und eine wachsende Schere zwischen Arm und Reich prägen den gesellschaftlichen Diskurs.

Viele Amerikaner haben Angst vor diesem Wandel und verweigern sich etablierten Politikern. Das Gefühl, von der Politik nicht wahr- oder ernst genommen zu werden, und den ­verlorenen Glauben an den amerikanischen Traum greift auch Trump in seiner Wahlkampagne auf und gibt bestimmten Wählergruppen das Gefühl, endlich gehört zu werden. Mit einfachen Worten beschwört Trump eine scheinbar „gute ­alte“ Zeit herauf – selbst wenn sie so niemals existiert hat. Sein Wahlkampfslogan ­„Make America Great Again“ nimmt dieses Versprechen auf und impliziert, er könne das heutige „schlechte“ Amerika zu alter Größe zurückführen. Das dafür fehlende Programm, die Warnungen vor den vorrangig wirtschaftlichen Konsequenzen seiner Ankündigungen und der häufig offene Rassismus stören weder den Kandidaten noch seine Wähler.

Überlagern die schrillen Töne aus Trumps Lager oft die Berichterstattung, sollte jedoch nicht vergessen werden, dass Donald Trump in der Republikanischen Partei als umstritten gilt. Umfragen deuten ebenso mehrheitlich auf die Chancenlosigkeit eines Kandidaten Trump gegen eine Kandidatin Clinton hin, die einen realpolitischen und wirtschaftlichen Ansatz verfolgt

Das Phänomen der Begeisterung für einfache Botschaften lässt sich nicht allein den Amerikanern zuschreiben. Auch in Europa sind Rechtspopulisten wie die österreichische FPÖ, die niederländische Partei für die Freiheit und die deutsche AfD gut darin, komplexe Ängste der Bevölkerung aufzugreifen und vermeintlich simple Lösungen anzubieten. Während in Europa die inhaltliche Auseinandersetzung mit diesen Parteien bereits begonnen hat, muss sich auch die amerikanische Gesellschaft und allen voran die Republikanische Partei mit diesen Entwicklungen zukünftig intensiv beschäftigen.

Denn Freiheit, Toleranz und Offenheit sind eng mit der Tradition und Geschichte der USA verknüpft und haben das Land zu politischer und insbesondere wirtschaftlicher Stärke geführt. Vor allem Europa und Deutschland haben von einer engen Partnerschaft mit den USA profitiert. Die USA sind nicht nur Deutschlands wichtigster Handelspartner, sondern zählen zu den wichtigsten Investoren und sichern knapp 330 000 Arbeitsplätze allein im produzierenden Gewerbe. Deutschland ist für 14 US-Staaten der bedeutendste Exportmarkt, und US-Unternehmen haben einen Kapitalstock in Höhe von 740 Mrd. US-Dollar in Deutschland.

Auch das diesjährige AmCham Germany Business Barometer – eine Umfrage unter US-Tochtergesellschaften am Wirtschaftsstandort Deutschland – unterstreicht die Bedeutung der deutsch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen. So zeigt das Business Barometer, dass die US-Unternehmen in Deutschland 2016 auf Wachstumskurs sind. Das Jahr 2015 war für US-Investoren in Deutschland erfolgreich, und acht von zehn befragten Unternehmen rechnen mit kontinuierlichem Wachstum. Neben einer Ausweitung der Produktion gewinnt dabei vor allem der deutsche Arbeitsmarkt: 35 % der Unternehmen planen, die Zahl der Beschäftigten zu erhöhen. Aber auch langfristig profitiert Deutschland von der Präsenz der amerikanischen Firmen und umgekehrt: Gut die Hälfte der befragten Konzerne möchte in den kommenden drei bis vier Jahren ihre Aktivitäten in Deutschland ausbauen und senden damit ein wichtiges Signal an andere ausländische Investoren.

US-Manager loben
 Standortqualität

Gleichzeitig bescheinigen führende Manager Deutschland gute bis sehr gute Standortbedingungen. 79 % der von AmCham Germany befragten Unternehmen loben die Wettbewerbsstärke Deutschlands. Allen voran wird die Qualität und Ausbildung der Mitarbeiter geschätzt, dicht gefolgt von den Faktoren Zuliefernetzwerke (93 %), Infrastruktur sowie Forschung und Entwicklung (je 86 %) und potenzieller Absatzmarkt (78 %). Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der digi­talen Transformation: US-Investoren sind zuversichtlich, dass Deutschland den digitalen Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft erfolgreich vollzieht. Das AmCham Germany Business Barometer zeigt allerdings auch, dass drei Viertel der US-Unternehmen klaren politischen Handlungsbedarf sehen und sich eine deutsche Bundesregierung  wünschen, die den Prozess hin zu Arbeit 4.0 noch stärker gestaltet.

Insgesamt ist Deutschland für amerikanische und ausländische Investoren ein hoch attraktiver Standort. Diese Attraktivität ist jedoch kein Selbstläufer. Deutschland muss kontinuierlich an seinen Standortbedingungen arbeiten, um seine herausragende Position im globalen Wettbewerb zu behaupten. Auch wenn eine international orientierte Exportwirtschaft wie die deutsche nicht immun vor externen Einflüssen ist, so sind „interne“ Standortfaktoren durchaus politisch steuerbar. Modernisierungs- und Verbesserungsbedarf besteht in den Bereichen der klassischen und insbesondere der digitalen In­fra­struktur, Gründungsfinanzierung, ­Energie- und Arbeitskosten sowie Unternehmensbesteuerung. Zukünftig werden vor allem Anstrengungen auf dem Gebiet der Aus- und Fortbildung für die Industrie 4.0 nötig sein und bei den Energiekosten. Auch wenn andere Politikfelder im Moment größere Aufmerksamkeit erfordern, dürfen Reformen in diesen wichtigen Punkten nicht vernachlässigt werden.

TTIP stärkt die 
Beziehungen

Gleichzeitig gilt es, die transatlantischen Beziehungen zu stärken. Die Verhandlungen um eine Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft (TTIP) bieten diese Chance. Trotz der aktuellen Diskussion und wider­sprüchlicher Signale aus den Reihen der amerikanischen Präsidentschaftsbewerber muss Europa gemeinsam mit der US-­Regierung weiter daran arbeiten, ein umfassendes Abkommen auszuhandeln.

Deutschland und die USA stehen exemplarisch für den Erfolg von Wettbewerb, offenen Märkten und pluralistischen Werten. Eine wichtige Aufgabe wird es deshalb bleiben, den Bürgern und Bürgerinnen auf beiden Seiten des Atlantiks die Vorteile von globalem Handel und Investi­tion aufzuzeigen. Dies gilt nicht nur für das TTIP-Abkommen, sondern auch auf dem Weg in eine zunehmend vernetzte Welt. Nur so kann ein optimistischer Diskurs in der Gesellschaft über Wirtschaft und Wohlstand angestoßen werden. Denn wir können Veränderungen nicht aufhalten, aber wir können diese aktiv und in unserem Sinne gestalten.

07.10.2016 | 11:21

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