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CDU-Generalsekretär Peter Tauber will die Partei entkrampfen.

Die SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi spielt die strenge Oberschwester.

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Der Erklärbär und die Supernanny

Sie sind die Neuen in der Klasse der großen Politik. Peter Tauber und Yasmin Fahimi kannten bis vor Kurzem nur Politprofis. Doch jetzt bespielen sie die ganz große Bühne. Seit 100 Tagen agieren sie als Generalsekretäre – und all die, die einen Fehlstart mit Peinlichkeiten erwartet hatten, sind überrascht. Beide bewegen sich cool-professionell und haben die schwierige Startphase der Regierung wie auch die Europawahl gemeistert – auch wenn sie persönlich keine Freunde mehr werden. Denn die Konflikte der Großen Koalition werden vor allem über diese beiden ausgetragen. Wenn Merkel und Gabriel sich am Verhandlungtisch offiziell steif anlächeln, dann müssen die Generale das Getrete unterm Tisch besorgen.

Beide sind mit gerade mal 17 Jahren in ihre Parteien eingetreten, beide entstammen der un­ideologischen Generation Mauerfall, beide waren zeitgleich totale Überraschungskandidaten im Amt des Generalsekretärs. Fahimi, geboren in der niedersächsischen Landeshauptstadt, ist das Kind eines Iraners (ihr Vater starb vor ihrer Geburt bei einem Autounfall) und einer Deutschen. Sie war nie in einem Parlament und gibt der Altherren-SPD ein ebenso überraschend frisches Gesicht wie der Digitalexperte Peter Tauber der CDU – mit seiner modischen Glatze würde man ihn eher in einer Facebook-Lounge vermuten als im Adenauer-Haus.

Allerdings haben beide sehr unterschiedliche Rollen übernommen. Während Tauber wie eine frische Klimamaschine die CDU durchlüftet, digitalisiert, durchlächelt und mit podolskihafter Offenheit die Partei entkrampft, spielt Fahimi die gestrenge Supernanny. Sie wirkt wie die Oberschwester, die Klassenbeste, die sich den Gedanken verbietet, dass man nicht immer alles ernst nehmen muss. Wo Tauber der Losung folgt, der andere könne schon auch recht ­haben, will Fahimi keinen Zweifel aufkommen lassen, dass ihre Partei immer recht hat.

Der Historiker und die Chemikerin

Er wirkt zuweilen, als habe er gerade eine Fahrradtour hinter sich, sie scheint immer direkt von schweren Tarifverhandlungen zu kommen. Ihre Biografie ist komplett der Gewerkschaft entlehnt, selbst ihr Lebenspartner ist der IG-BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis. So wirkt ihr ganzer Habitus auf Verteilungskonflikt ausgelegt. Er ist hinterfragender Historiker, sie ist formelhafte Chemikerin. Er denkt in Kategorien des Werdens, sie in denen der Reaktionen.

Fahimi hat es in mancherlei Beziehung schwerer als Tauber. Sie kennt den politischen Betrieb nicht richtig, sie kommt weder aus Partei noch Parlament. Auch mit Journalisten fremdelt sie noch. Sie muss sich obendrein in einem Milieu behaupten, das von unterschwelligen Konflikten geprägt ist. Ihr Chef Sigmar ­Gabriel muss permanent Attacken aus der eigenen Partei parieren. Fahimi ist sein Schild, manchmal auch eine Lanze. Tauber hingegen hat es mit einer Streichelzoo-Merkel-CDU ohne innere Widerstände, zuweilen aber auch ohne eigenen Willen zu tun.

Fahimi hat den Nachteil, dass sie der SPD-Fraktion nicht angehört, dort also nicht eingebunden ist in Absprachen, Seilschaften und das Gerüchtegebrodel. Ganz anders Peter Tauber, der sich in seiner Fraktion bewegt wie ein Fisch im Wasser. Fahimi ist darum ganz auf Gabriel und dessen Einschätzungen wie Launen angewiesen. Tauber hingegen kann autonomer die Partei führen. Fahimi profiliert sich immer wieder durch klassische Bissigkeit einer Generalsekretärin, Tauber kann auch gezielt schweigen.

Der CDU-General ist jedenfalls kein bisschen generalig. Er kommt aus der idyllisch-gemütlichen Barbarossastadt Gelnhausen – das prägt. Und er bekennt sich zum Hessentum wie wenige vor ihm. Da freilich schwante einigen in der Union eher Ungemach. Denn aus der Hessen-CDU schienen lange Jahre nur hartbeinige Konservative vom Schlage Dregger, Kanther, Steinbach und Koch oder Unglücksraben wie Franz-Josef Jung und Kristina Schröder zu kommen. Tauber ist anders. Er ist unpräten­tiös, kann mit Grünen ebenso wie mit Muslimen. Umgänglich und bodenständig kommt er daher, und wenn er sagt „Mir gefällt an der CDU das U so gut, weil es das ­Einende betont“, dann verrät das sein Wesen. Tauber ist kein Spalter, er ist Versöhner. Mehr Pädagoge als Ideologe. In Berlin nennen sie ihn den freundlichen „Erklärbär“.

Im Adenauerhaus staunen sie jedenfalls nicht schlecht, da der General seine Bürotür immer offen lässt und in seiner hessischen Heimat schon mal Fleischwurst bestellt, um zum kollegialen Brainstorming zu laden. Er gehörte zu den ersten Politikern, die systematisch twitterten und facebookten. Er ist der Digitalist unter den Unionisten, und so wird er die CDU internet-modernisieren. Tauber will den Stil der Partei verjüngen und habituell öffnen. Er ist der erste Generalsekretär seit Heiner Geisler, der nicht mehr steif daherkommt.

Für Verblüffung sorgte er beim Parteitag, als er das Präsidium vom Podium kurzerhand ins Plenum versetzte. Barrieren abbauen, Hierarchien überwinden, offener sein, die CDU vom Kanzlerwahlverein zur Mitmachpartei formen – das ist sein Ziel. Tauber hat den großen Vorteil, dass er direkt vom Kreisvorsitzenden in die Zentrale der Macht gewechselt ist, also genau weiß, wie Kreisvorsitzende denken. Mit ihm verschiebt sich das gefühlte Bild der CDU von einer Anzugträger-Abteilungsleiter-Partei zur entspannteren Neobürgerlichkeit der Basis. Zusammen mit Julia Klöckner verkörpert er derzeit die Union der Zukunft. Nun steht die Wahl in Sachsen an, und wenn die CDU auch dort ein gutes Resultat verbucht, dann hat Tauber seine Probezeit bestens bestanden.

Wie gefährlich ist die AfD für die CDU?

Die eigentliche Bewährungsprobe aber steht noch aus. Denn mit der AfD (Alterna­tive für Deutschland) ist der CDU ­eine neue konservative Konkurrenz erwachsen. Das ist für die ­Union ähnlich gefährlich wie einst das Aufkommen der Grünen und der Linkspartei für die SPD – zumal Wertkonservative und Wirtschaftsliberale inzwischen mit ihrer Union reichlich fremdeln. Tauber wird seine Digitalmodernität mit seinem Traditionsbewusstsein verheiraten und sichtbar machen müssen. Man würde ihn unterschätzen, wenn man ihn nur als die lässige Verkörperung einer schwarz-grünen Mode in der CDU sähe. Tauber hat bei den emotionalen Kernthemen der Konservativen (Familie, Heimat, Herkunft, Religion) ein ausgeprägtes bürgerliches Profil. Seine CDU aber droht es zu verlieren.

Da hat der Erklärbär noch jede Menge Erklärungsbedarf. Und die strenge Supernanny wird ihm diese Aufgabe bestimmt nicht leichter machen.

29.06.2014 | 21:17

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