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Wladimir Putin baut die Goldbestände Russlands massiv aus (Foto: Shutterstock).

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Putin lässt tonnenweise Gold kaufen

Unbemerkt von der Weltöffentlichkeit baut Putin die Goldbestände Russlands massiv aus. Er will sich vom Dollar emanzipieren und profitiert nun vom Handelsstreit USA–China. Der steigende Goldpreis beschert Putin ein milliardenschweres Geschenk zum 20-jährigen Machtjubiläum.

Wladimir Putin lässt seine Zentralbank derzeit vier bis fünf Tonnen Gold kaufen. Und zwar jede Woche. Seit vielen Monaten macht er das so. Fast unbemerkt von der Weltöffentlichkeit hat Putin die größte globale Goldspekulation seit Jahrzehnten gestartet. Die Goldreserven Russlands betragen nun mehr als 2000 Tonnen. Allein im Juni hat Moskau 18,66 Tonnen Gold zugekauft. Seit Jahresbeginn ist Putins Goldschatz um 100 Tonnen gewachsen.

Putins Spekulation scheint aufzugehen. Da der Goldpreis binnen Jahresfrist um 20 Prozent gestiegen ist und inzwischen ein Sechs-Jahres-Hoch erreicht, mehren sich die russischen Reserven rechnerisch um etwa 20 Milliarden US-Dollar. Analysten beziffern den Wert des Edelmetalls in den russischen Zentralbank-Tresoren auf mittlerweile mehr als 100 Milliarden US-Dollar. Und der Kreml-Chef verkündet stolz: „Zum ersten Mal in unserer Geschichte decken unsere Reserven die gesamte Auslandsverschuldung, sowohl staatliche als auch private, ab.“

Der World Gold Council hat ermittelt, dass die russische Zentralbank bereits im vergangenen Jahr der weltgrößte Goldkäufer war – 274,3 Tonnen seien in Moskau neu eingebunkert worden, unter anderem mit den Dollars, die man aus dem Verkauf der US-Staatsanleihen erlöst hatte.

Zentralbanken horten weltweit Gold


Insgesamt stieg der weltweite Goldanteil bei den Zentralbanken innerhalb eines Jahres um 651 Tonnen. Das ist der größte Kennwert seit 1971, als die USA auf den Goldstandard verzichteten. Fast die Hälfte davon entfällt auf die Zentralbank Russlands. Und der von Putin ausgelöste Goldrausch geht Woche für Woche weiter.

Putin verfolgt mit seinen Goldkäufen primär ein politisches Motiv. Russland will die amerikanische Dollar-Dominanz schwächen und strebt eine „Entdollarisierung“ seiner Reserven und seiner Handelswährung an. Importe und Exporte werden mit immer mehr Staaten systematisch auf Landeswährungen umgestellt. Nach einer Bloomberg-Analyse werden inzwischen gewaltige Handelsströme von und nach Russland völlig ohne Dollar-Fakturierungen abgewickelt.

Und weil der Dollar – aus Sicht Moskaus – als politische Waffe gegen Russland benutzt wird, ist Gold die perfekte Anlage, um sich gegen Dollar-Sanktionen zu schützen. Während die Goldreserven also auf absolute Rekordstände emporschießen, verfügt die russische Zentralbank nur noch über US-Staatsanleihen im Wert von 12,8 Milliarden US-Dollar; 2010 waren es noch fast 180 Milliarden US-Dollar.

Der anti-amerikanisch motivierte Einstieg ins Gold hat für Putin nun zwei überraschend spekulative Effekte. Zum einen steigt der Goldpreis mit jeder weiteren Verschärfung des amerikanisch-chinesischen Handelsstreits. Jede dadurch ausgelöste Verunsicherung an den Weltfinanzmärkten führt zu steigenden Goldpreisen. Denn Gold gilt vielen Anlegern rund um den Erdball als sicherer Hafen für Krisenfälle. Je heftiger sich also Donald Trump mit China in Handelsscharmützel verstrickt, desto wertvoller wird Putins Goldschatz. Selten galt in der Weltpolitik der Spruch „Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte“ so goldig wie in dieser Konstellation.

Zum anderen profitiert Putins Goldspekulation auch von Trumps Politik des billigen Geldes. Je niedriger Washington und die Fed die Zinsen drücken, desto interessanter wird Gold als globale Geldanlage. Und so genießt Putin die Zufallsprofite der amerikanischen Politik gleich doppelt.

Aber er befördert seine Spekulation auch durch gezielte Eigeninitiative. So wird fast das gesamte Gold, das russische Minen derzeit fördern, mittlerweile von der Zentralbank aufgekauft. Im vergangenen Jahr kaufte die Zentralbank 274 Tonnen von den 314 Tonnen in Russland geschürftem Gold. Die Produktionsmenge fehlt natürlich auf dem Weltmarkt, sodass die Preise dort tendenziell weiter steigen. Denn die globalen Fördermengen stagnieren. Laut einer Prognose von Goldman Sachs werden die Mengen der globalen Goldförderung in den kommenden Jahren sogar zurückgehen.

China auf dem Gold-Tripp

Inzwischen folgen auch die Chinesen der Goldfinger-Politik Putins. Peking verkauft jetzt ebenfalls US-Staatsanleihen in größerem Stil und kauft an deren Stelle Gold. Im ersten Halbjahr fügte Peking seinem Goldvermögen weitere 74 Tonnen hinzu. China und Russland wollen sich demonstrativ von der Dominanz der US-Währung emanzipieren. Sogar die Türkei, Polen, Ungarn und Kasachstan kopieren plötzlich die Strategie und kurbeln Goldkäufe an. Allein im ersten Halbjahr 2019 haben Zentralbanken nach Angaben des World Gold Council 374,1 Tonnen hinzugekauft. So viel wie seit 19 Jahren nicht mehr. Putins Plan „weg mit dem Dollar, her mit dem Gold“ macht also Schule. Es ist zu seinem 20-jährigen Machtjubiläum ein weltpolitischer Coup der kapitalistischen Art. Er will die USA mit deren eigenen Mitteln schlagen.

07.11.2019 | 11:45

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