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Herbert Haas, Chef der Talanx

Herbert Haas, Chef der Talanx

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Im richtigen Moment

Talanx

Im Rückblick hält der Konzernchef Herbert Haas den mehrmals verschobenen Börsengang für sehr geglückt – der Aktienkurs hat sich seit Oktober positiv entwickelt und den finanziellen Spielraum für die Expansion erweitert. Nach einer Konsolidierungsphase stehen weitere Zukäufe auf dem Programm. Sorgen machen Haas nur die niedrigen Zinsen.

WirtschaftsKurier: Herr Haas, hat sich das lange Warten bis zum Börsengang der Talanx im Oktober gelohnt?

Herbert Haas: Das kann man so sagen: Wir haben den richtigen Zeitpunkt gewählt. Die Kursentwicklung ist bis heute sehr positiv und wir haben unser Ziel der nachhaltigen Stärkung der Kapitalbasis der Talanx-Gruppe erreicht. Andererseits war es natürlich wichtig, zuvor den Konzern mit all den damit verbundenen Pflichten zur Kapitalmarktfähigkeit zu führen – das haben wir sehr gut geschafft. Die Maschine läuft von Quartal zu Quartal reibungsloser.

Der Talanx-Konzern ist nicht nur durch zügiges internes Wachstum zu den ganz Großen in Europa aufgestiegen, sondern wie wohl kaum ein anderer deutscher Versicherer auch durch offenbar erfolgreich integrierte Zukäufe. Wen und wo haben Sie wann im Visier?

Sie sagen es sehr richtig – Zukäufe sind dann erfolgreich, wenn sie gut integriert werden. Deshalb ist 2013 ein Jahr der Konsolidierung für uns – wir wollen die Zukäufe aus den vergangenen Jahren wie Warta und TU Europa in Polen, aber auch die Metropolitana in Mexiko, integrieren. Diese Zeit brauchen wir, um die Erfolgsgeschichten der Unternehmen weiterzuentwickeln. Insofern gibt es derzeit keine konkreten Pläne für Zukäufe. Man soll aber nie nie sagen. Mittel- bis langfristig ist es unsere Strategie, die Talanx-Gruppe in den für uns wichtigen ausländischen Kernmärkten Lateinamerika sowie Zentral- und Osteuropa durch organisches Wachstum und punktuelle Übernahmen weiter zu stärken.

Wie schätzen Sie das Geschäftsjahr 2012 ein und worüber freuen Sie sich am meisten?

2012 war für uns insgesamt ein erfolgreiches Jahr. Es ist das Gesamtbild, das mir Freude bereitet. Mit der finanziellen Flexibilität durch den Börsengang können wir unsere Position im globalen Versicherungsmarkt weiter festigen. Wir haben uns auf Konzernebene in fast allen wesentlichen Kennzahlen verbessert. Und wir haben unsere Ertragskraft gestärkt sowie deutliche Fortschritte in der Internationalisierung gemacht. Im Kern sind wir sehr profitabel gewachsen und haben unser Konzernergebnis auf 630 Mio. Euro gesteigert. Das ist auch für die Aktionäre eine gute Nachricht, weil sie eine gute Dividende von 1,05 Euro erhalten.

Wie ist der bisherige Verlauf im Geschäftsjahr 2013?

Wir sind mit kräftigem Wachstum ins neue Jahr gestartet, die gebuchten Bruttoprämien stiegen im Auftaktquartal um 11%, bereinigt um die Zukäufe in Polen waren es immerhin 7%. Andererseits sinkt die Schaden-Kosten-Quote, und dies insbesondere auch dank unserer verstärkten Fortschritte bei der Neuausrichtung unseres Privatkundengeschäfts im Heimatmarkt. Trotz negativer Einmaleffekte bei der Kapitalanlage und im Industriebereich haben wir ein stabiles Konzernergebnis erreicht. Das belegt eindrucksvoll die Vorteile unserer Diversifikation.

Und wenn Sie das aufs ganze Jahr hochrechnen?

Unser Ausblick ist klar: Wir erwarten ein Bruttoprämienwachstum von mindestens 4%. Die Kapitalanlagerendite sollte 2013 strukturell bei rund 3,5% liegen. Nach dem bisherigen Verlauf ist unsere Prognose – ein Konzernergebnis nach Steuern von mehr als 650 Mio. Euro – noch robuster geworden. Aber unser Geschäft ist volatil. Auch am letzten Tag des Jahres kann sich etwa ein sehr schweres Erdbeben in den USA oder in Japan auf unsere Gewinn- und Verlustrechnung auswirken. Vor Großschäden sind wir nicht gefeit. Abgerechnet wird am 31.12.2013.

Sie haben sich ehrgeizige Wachstumsziele gesetzt. In den nächsten drei bis fünf Jahren soll das Konzernergebnis um 10% im Jahresdurchschnitt wachsen, und dies bei weitgehend gesättigtem Inlandsmarkt und abgemagerten Kapitalanlageergebnissen.

Wir haben dieses Durchschnittsziel für die Jahre 2014 bis 2018 ausgegeben, das kann auch ein Jahr mal darunter sein. Ihre Analyse ist zutreffend. Aber dennoch glauben wir, dass es erreichbar ist. Wir haben zum Beispiel noch Potenzial bei den Kosten – in Deutschland etwa soll unser Reorganisationsprogramm auf Dauer die Kundenzufriedenheit erhöhen und gleichzeitig Kosten einsparen. Dann müssen wir an der einen oder anderen Stelle die Produkt- und Zeichnungspolitik optimieren, um unsere Schadenquote weiter zu senken. Elementar ist aber auch weiteres Wachstum auf der Prämienseite.

Was heißt dies konkret für die vier Standbeine?

Jeder Geschäftsbereich – ob Industrie, Privat- und Firmenversicherung Deutschland, Privat- und Firmenversicherung International oder die Rückversicherung – muss seinen Teil dazu leisten. Hier zeigen sich deutlich die strategischen Vorteile unseres diversifizierten Geschäftsmodells. In Deutschland etwa werden wir stabile oder leicht steigende Beitragseinnahmen sehen, dafür werden wir hier Kosten senken. International steht deutliches und profitables Beitragswachstum im Vordergrund. In der Industrieversicherung wollen wir die Selbstbehaltquote von derzeit 46% sukzessive auf 60% bis 65% ausbauen. Im Kern nehmen wir dann mehr Geschäft auf eigenes Risiko und verringern damit die Kosten für den Rückversicherungsschutz.

In der Industrieversicherung bilden Talanx und Allianz mit weitem Abstand das Spitzenduo: Wer ist Erster?

Der Spitzenreiter wechselt von Sparte zu Sparte. Wir sind bei 27 von 30 Unternehmen im Dax der führende Versicherer in mindestens einer Sparte, bei 34 von 38 Industrieunternehmen im Euro Stoxx 50 ebenfalls. Im deutschen Mittelstand haben wir mehr als 60% der Führungen bei wichtigen „Hidden Champions“. Mit dieser Erfahrung und Kompetenz, die wir seit 110 Jahren aufgebaut haben, spielen wir international in der Champions League sehr weit oben mit.

Der GDV beziffert den Schaden, den die deutschen Lebensversicherer 2012 durch die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank zur Euro-Rettung erlitten haben, auf 4 Mrd. Euro. Was heißt dies für die Lebensversicherer der Talanx?

Wir sind davon weniger betroffen als die Branche, da wir stärker auf Fondspolicen, etwa mit Beitragsgarantie, setzen. Für die Garantien der Vergangenheit haben wir zum Beispiel mit einer Optimierung der Anlagestrategie und dem Einkauf von Sicherungsinstrumenten vorgesorgt. Dass im Neugeschäft Garantien von 1,75% anfallen, wirkt zusätzlich entlastend, ebenso die Reservierung erheblicher Mittel in Form der Zinszusatzreserve. Wir prüfen zudem sehr genau, dass alle eingekauften Risiken auch langfristig handhabbar sind.

Eine weitere Folge der Niedrigzinspolitik sind hohe Scheingewinne bei festverzinslichen Anlagen, die den Kunden bei Vertragsende zur Hälfte ausgeschüttet werden müssen.

Der Gesetzgeber wollte ja die Ausschüttung aus Bewertungsreserven an die ausscheidenden Kunden korrigieren, hat dies dann aber wieder gestoppt.
Diese fällige Korrektur ist kein „Geschenk“ an die Unternehmen, sondern die Korrektur eines Fehlers in der Gesetzgebung: Bildlich gesprochen können Sie jenen Mitgliedern einer dörflichen Genossenschaft, die diese verlassen, nur so viel vom Getreide mitgeben, dass den im Dorf Verbleibenden noch ausreichend Saatgut für das nächste Frühjahr übrig bleibt – dies gebietet allein der gesunde Menschenverstand.

In der Branche wird diskutiert, die herkömmlichen Garantien in der Lebensversicherung einzuschränken oder gar ganz aufzugeben. Gibt es bei Talanx ähnliche Überlegungen?

Die klassische Ausprägung mit Garantien für die gesamte Vertragsdauer stehen im Markt und auch bei uns auf dem Prüfstand: Eine Möglichkeit besteht darin, künftig Produkte anzubieten, deren Garantien auf einen bestimmten Zeitraum oder gezahlte Beiträge begrenzt sind und die deshalb weniger Eigenkapitalunterlegung erfordern. Wir halten solche Produktgestaltungen durchaus für geeignet – Baudarlehen zum Beispiel weisen auch nur eine temporäre Zinszusage auf, wollen aber noch abwarten, wie sich der Markt entwickelt.

In Presse, Rundfunk und Fernsehen sind es meist Bank Volkswirte, die die Euro-Rettungspolitik kommentieren, und dies in der Regel zustimmend oder verharmlosend. Wo bleibt da die Stimme der Versicherer?

Der Gesamtverband der deutschen Versicherer hat sich zu diesem Thema mehrfach geäußert. Im Kern – und da teile ich die Position des GDV – belastet die künstliche Niedrigzinspolitik alle Sparer. Manche sprechen von einer kalten Enteignung, weil die niedrigen Zinsen allein und mehr noch verbunden mit Inflation zu einem Vermögensrückgang führen. Das muss bald ein Ende haben. Die großen Zentralbanken müssen die Trendwende einleiten. Leider ist zunächst einmal das Gegenteil passiert. Die jüngste Leitzinssenkung durch die EZB hat unsere Kapitalanlagestrategie nicht erleichtert. Wir rechnen derzeit mit einer Kapitalanlagerendite im Jahr 2013 von 3,5%, wir müssen aber realistischerweise einen weiteren Rückgang erwarten.

Paul Kellenbenz

21.06.2013 | 13:54

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