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Bettina Reitz, Fernsehdirektorin beim BR. (Foto: Bayerischer Rundfunk)

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Eine Brücke zur Heimat

Fernsehanbieter stehen vor spannenden Zeiten. Auf der einen Seite lieben vor allem junge Menschen amerikanische Serien. Auf der anderen Seite sind viele Zuschauer stark regional geprägt. Dazu kommt noch die Herausforderung der Trimedialität. Was das ist, erläutert Bettina Reitz, Fernsehdirektorin beim Bayerischen Rundfunk.

WirtschaftsKurier: Was macht einen guten Film aus?

Bettina Reitz: Ein Filmemacher­ muss sich überlegen, was er er­zäh­­len und dann wie er es erzäh­len will. Und diese W-Fragen, die wir schon in der Schule bei Erzählungen gelernt haben und fragen mussten, sind auch essenziell für einen guten und in sich stimmigen Film, unabhängig, ob in der Kultur, im Krimi oder in der Komödie.

Inwieweit hat eine Fernseh­direktorin einen Einfluss auf die Veränderung im Fernsehen?

Veränderungen sind immer in einem Austausch mit der Fernsehdirektion zu sehen. Was ich grundsätzlich nicht mache, ist meine Kreativität und Vorstellung als Vorgabe zu dirigieren. Die Verantwortung liegt auch bei den Programmbereichen und Redaktionen. Als Fernsehdirek­torin arbeitet man nicht wie ein Manager großer Firmen, wo übergeordnete Strukturen nach unten verteilt werden; vielmehr geht es darum, Kreativität freizusetzen und die Lust am Veränderungsprozess gemeinsam zu formulieren. Das Motto lautet daher bei mir eher: Kreativität statt Verordnung. So wird erst einmal ver­sucht, Defizite im Programm im wechselseitigen Gespräch zu beheben; es handelt sich also um einen gegenseitigen Diskurs. Es geht uns meist um sanfte Schritte, neue Formate dem Publikum zu vermitteln, ohne es zu erschrecken. Aber wir müssen uns auch mit Blick auf die neuen ­Medien Veränderungsprozessen stellen, die radikaler sein dürfen und auch müssen.

Film und Fernsehen haben eine gesellschaftliche Verantwortung. Wo liegen derzeit
die Schwerpunkte?

Das Fernsehen ist immer noch eines der wichtigsten Leitmedien, wenn nicht sogar das wichtigste in Deutschland – schon allein aufgrund der Vielfalt der Angebote und der Konzentration beziehungsweise Verweildauer. Es gibt keine gleichwertige Bindungsmöglichkeit an Zuschauer oder Zuhörer wie starke TV-Angebote. TV deckt gemäß unserem Auftrag alles an Informatio­nen, Kultur und Unterhaltung ab, das man benötigt, um aktuell auf dem Laufenden zu sein beziehungsweise gut unterhalten zu werden. Die Vielfalt der Programm­angebote ist groß. Wo ich aber Nachholbedarf sehe, ist bei unserem Dialog mit der Jugend – eine der wichtigsten Herausforderungen, vor denen wir aktuell stehen.

Dies gilt nicht nur für die jungen Menschen als Zuschauer, sondern genauso für die Förderung junger Talente. Die Frage, die sich mir dabei stellt, ist: Haben wir die Vielschichtigkeit der Talente so im Blick, oder ist es nur die ganz kurzlebige Leistungsschau, die über Talente entscheidet, wie sie in der heutigen Leistungs­gesellschaft zu funktionieren haben? Hier stört mich, dass wir oft nur nach Punkten und Rankings entscheiden; wer ins Raster passt, erhält seine Chance, wer nicht, wird einfach zur Seite gestellt. So fallen sehr viele Talente durch den Rost, weil ihnen das knallharte Film- und Mediengeschäft nicht den Raum und insbesondere die Freiheit lässt, sich zu entwickeln, ihre kreativen Möglichkeiten entfalten zu können und uns Programmverantwortliche zu überraschen.

Die gesellschaftliche Verantwortung des Fernsehens sehe ich ­also auch in der Bereitschaft, bei ­aller Budgetknappheit und liebgewonnenen Gewohnheiten, den Zuschauer herauszufordern – in der Umsetzung wie in der Thematik unseres Programms.

Wie richten Sie den BR auf ein jüngeres Publikum aus?

Ein jüngeres Publikum können wir noch durch Events gewinnen. Wir versuchen, Sendestrecken zu bauen, durch die wir auch jüngere Menschen erreichen und dadurch Verlässlichkeit erzielen. In den letzten Jahren hat sich beim BR gezeigt, dass neben Fiktion insbesondere große Faschingssendungen auch von Jüngeren gern gesehen werden. Bei Formaten mit diesem Inhalt haben wir bereits einen Bereich, in dem die Jugend nachwächst und damit zu einer festen Größe wird. Mit „quer“ und „Kabarett“ bedienen wir schon jetzt eine jüngere Klientel.

Verstärkt setzen wir in Zukunft auf Angebote mit Live-Events und auf eine noch engere Zusammenarbeit mit „Bayern 3“ und „Puls“, die ein jüngeres Publikum ansprechen. Zum einen bedarf es also tatsächlich jün­gerer Inhalte, zum anderen müssen wir aber auch die jungen Leute irgendwo erreichen und zum Beispiel über ein attraktives Webangebot auch auf die linearen Angebote lenken. Hier ist eine enge Abstimmung von Radio, Internet und Fernsehen gefragt. Wenn es uns künftig gelingt, an zwei oder drei Abenden dieses Publikum mit beispielsweise fiktionalen Programmen an uns zu binden, wäre das für den BR und mich schon ein Etappensieg auf dem Weg, jüngere Menschen zum linearen Fernsehen zurückzuholen. Im Januar hat das bei der Ausstrahlung von „Türkisch für Anfänger“ hervorragend geklappt.

Zugleich bin ich mir aber bewusst, dass die jüngere Genera­tion nicht mehr gewonnen werden kann, wenn wir uns nicht auf die Seh- und Benutzergewohn­heiten des jungen Publikums einstellen. Dies bedeutet für uns, dass wir hier nur mithalten können, wenn unsere Programme sowohl im Netz als auch bei den Abspielgeräten präsent sind. Über die Mediathek müssen wir zeigen, was wir an originellen und qualitativen Sendungen haben, da es der Jugend am Ende egal ist, ob sie unsere Inhalte auf einem klassischen Fernbedienungsknopf oder mobil finden. (Die Jugend hat noch nie viel ferngesehen und ist heute zuerst mobil und im Netz unterwegs!) Ich persönlich wünschte mir mehr Reihen wie aktuell „Hubert und Staller“ oder „München 7“ oder am besten eine Serie, die noch jüngere Menschen anspricht. Generell brauchen wir Sendungen, die generationsübergreifend funktionieren und starke Bindungen erzielen.

Was bedeutet Trimedialität – Wie sieht das Fernsehen der ­Zukunft aus? Haben Sie Angst vor den Online-Angeboten durch das Internet, durch YouTube, wo jeder sein eigener Programmdirektor ist?

Angst ist ein schlechter Begleiter. Ich denke, Neugierigsein und mit Abenteuerlust diesen Prozessen beizuwohnen, ist die richtige Haltung. Ich glaube, wir werden noch lange die Programmdirektoren mit ihren Planungseinheiten brauchen, denn nicht jeder Mensch will immer sein eigener Programmdirektor sein. Aber künftig wird diese Arbeit verstärkt von Maschinen übernommen, die unsere Interessensprofile auswerten. In Zukunft wird diese Programmmaschine dann spezielle Angebote für ihre speziellen Interessen und Schwerpunkte suchen. Aber Protagonisten und originelle oder wichtige Inhalte, die die Zuschauer lieben oder ansprechen, müssen gefunden und entwickelt werden – das können die Suchsysteme noch nicht.

Wie genau das Mischverhältnis sein wird zwischen den noch klassisch vorbereiteten Angeboten und dem, was über einen globalisierten internationalen Markt über uns hereinbrechen wird, ist eine spannende Frage. Es steht aber jetzt schon fest, dass wir eine junge Generation haben, die international geprägt ist – insbesondere amerikanische Serien sind sehr beliebt. Aber es zeigt sich auch, dass eine Vielzahl der jungen Menschen andererseits stark regional geprägt ist, es gibt ein ausgesprochenes Heimatgefühl. Je globaler sie auf der einen Seite aktiv sind und agieren, umso mehr finden sie in ihrer Heimat ein Stück Sicherheit. Dies beobachten wir bei unseren Programmangeboten. Und hier ist es wichtig, dass wir uns in Zukunft anders aufstellen.

Generell müssen das Fernsehen und der Rundfunk der Zukunft neue Events generieren, bei denen die Menschen zusammenkommen und gleichzeitig aus diesen Events auch Programm­angebote erstellen. Darin sehe ich auf der einen Seite eine Brücke zur Heimat, eine Brücke, die eine Programmsicherheit gerade für regionale Anbieter garantiert. Auf der anderen Seite sind jüngere Menschen auch große Programmabenteurer. Dadurch wird sich der Markt noch weiter global öffnen und in eine Konkurrenz zur Regionalität treten. Welcher Inhalt wird gesucht und setzt sich wo und wie durch? Diesen neuen Herausforderungen sehe ich mit Spannung entgegen.

Das Interview führte

Dr. Dr. Stefan Gross

07.08.2014 | 09:04

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