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Börsengang der Superlative: Ant Financial stellt Rekord um Rekord auf. (Foto: Andy Feng / Shutterstock)


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Alibaba-Tochter Ant: Die Revolution ist eine Ameise

Bienenfleißig, sagt man, weil ameisenfleißig nicht so lecker klingt. Dabei leistet die Ameise unverzagt ein Mehrfaches der Biene, die doch so viel größer ist, allerdings kommt kein Honig dabei heraus. Nun hofft die Crème de la Crème der internationalen Investoren, vom chinesischen Finanzkonglomerat Ant noch etwas lernen und natürlich Honig saugen zu können.

Von Reinhard Schlieker

Die Nachfrage nach Ant Financial-Aktien ist schon vor dem IPO so groß, dass der Konzern das Erlösziel von 30 Milliarden Dollar (Weltrekord) auf 35 Milliarden Dollar (neuer Weltrekord) anheben musste. Damit würde der 2004 gegründete Ableger des chinesischen Internet-Handelskonzerns Alibaba mit rund 225 Milliarden Dollar bewertet. Endlich mal was Teureres als Tesla.

Der Börsengang in Hongkong und Schanghai ist auch eine Botschaft an Wall Street. Man kann auch ohne New York, heißt das, und angesichts der Anti-China-Stimmung im Trump-Amerika ist das ein klares Statement. Was aber kann die Ameise nun, was andere nicht können? Zunächst einmal übertrumpfen. Was die Zahl der Kunden angeht, die Geschäftsfelder und Erlöse (drei Milliarden Euro im ersten Corona-Halbjahr), ist das Hauptprodukt Alipay mit seiner Milliarde Kunden, monatlich aktiv sind mehr als 700 Millionen, die bei 80 Millionen Händlern per Mobiltelefon bezahlen können – Code scannen genügt. Die Zahl der Transaktionen übersteigt die von US-Konkurrent Paypal um das 25fache. Da glaubt man gerne, dass 0,1 Prozent Provision ordentlich was in die Kasse spülen und herkömmliche Anbieter wie Kreditkartenfirmen blass werden lassen.

Dass diese mobile Bezahlform inzwischen fast der Erfindung eines neuen Geldes gleichkommt, ist in China, wo schon das Papiergeld erfunden wurde, womöglich geradezu unausweichlich. Folgerichtig können die Nutzer von Alipay einfach per Smartphone am Börsengang teilnehmen, der sich ansonsten an professionelle Investoren richtet. Ausgewählte Anlageprodukte der Investmentgesellschaft von Alipay bieten Fonds mit Ant Financial an – Kauf einfach per Tippen oder Wischen. Allerdings gibt es Haltefristen. Die chinesische Börsenaufsicht erlaubt eine Teilnahme am IPO nur Anlegern mit nachweislich ordentlichem Vermögen, daher der Fonds-Weg für Kleinanleger. Die allerdings werden durch Fristvorgaben vom wilden Zocken abgehalten, zumindest mit der Ant Financial-Aktie.

Der Volkssport in Chinas Technologiesegmenten diente bislang nicht gerade dem Ruf der Börsen in Schanghai und Hongkong, das soll nun anders werden. Immerhin hat Ant Financial das Versicherungs- und Bankwesen Chinas gehörig umgekrempelt, getreu der Ansage von Alibaba-Gründer Jack Ma, dass die herkömmlichen chinesischen – staatlichen - Banken Dinosaurier seien und es für kleine und mittlere Unternehmen kaum Kredit gebe. Das Problem darf getrost als gelöst bezeichnet werden. Via Ant Financial gibt es Darlehen, Hypotheken, Lebens- und Gesundheitsversicherung, Kreditkartenfunktionen, offline-Bezahlung und kaum etwas, was es nicht gibt.

Kein Wunder, dass sich die Großen der Yorker Finanzszene beginnen, warm anzuziehen. Während man in den USA noch grübelt, wie man Monopolbildung bei Internetgiganten wie Google, Facebook, Amazon oder Apple verhindert, lauert um die Ecke der wirkliche Riese, der sie alle übertrifft, und kommt auch noch ausgerechnet aus dem Land des Handelsfeindes der heutigen Zeit. Angeblich hat das Weiße Haus schon versucht, das in den kommenden Tagen, höchstens Wochen anstehende IPO in irgendeiner Weise zu behindern, aber Genaueres weiß man nicht. Ob Washington einen Konzern einschüchtern könnte, der mehr als 500.000 Orders pro Sekunde verarbeiten kann und integrierte Risiko- und sonstige Analysetools sein eigen nennt, die blitzschnell aus Milliarden Daten eine Kreditvergabe durchrechnen können, erscheint eher ein steinzeitliches Vorhaben zu sein.

Da ist die Haltung solcher Größen wie JP Morgan Chase schon sinnhafter, vom Gegner zu lernen und sich ansonsten möglichst an ihm zu beteiligen, um auf der Ameisenstraße der Verblüffung ein wenig mit voranzukommen. Quasi nebenbei leistet Ant Financial, wie auch Alibaba, einen entscheidenden Beitrag dazu, dass sich Chinas Wirtschaft (und Börsen) nach und mit Corona schnell wieder erholen konnten und am Jahresende wohl ein Plus beim BIP bleibt. Die neuartige Durchdringungskraft des Fintechs braucht keine teure staatliche Infrastruktur und erreicht dennoch fast jeden Chinesen; manche Dienstleistungen werden für einfache Landbewohner überhaupt erstmals verfügbar. Der Staat in seinem Kontrollhunger reitet huckepack immer mit, Gegenleistung an Alipay: Wenig kontrollierte Daten in Hülle und Fülle. Nicht von der Hand zu weisen das Risiko, das solche Ballung von Marktmacht in einem lebenswichtigen Sektor auch die Möglichkeit bedeutet, das Weltfinanzsystem zu destabilisieren. Die Vorstellung wäre, nun ja, unerfreulich.

In Deutschland bieten inzwischen ebenfalls einige Händler Alipay-Zahlung an, meist solche Ketten, die chinesische Touristen akkommodieren möchten. In Coronazeiten erst einmal eine Durststrecke, aber das Online-Einkaufen über Alibaba statt Amazon kommt auch in Europa so langsam in die Gänge. Wer Gigantomanie, gepaart mit einem gerüttelt Maß an Undurchsichtigkeit nicht scheut, ist bei der Ameise ganz gut aufgehoben. Sind Bienen nicht auch sehr langsam und behäbig?

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12.10.2020 | 22:18

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