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Das chinesische System einer parteilich gelenkten Marktwirtschaft stößt an seine Grenzen. Die unglaubwürdigen Wachstumsraten sind das äußere Zeichen dieser Systemkrise. (Foto: DDP Images)

Das chinesische System einer parteilich gelenkten Marktwirtschaft stößt an seine Grenzen. Die unglaubwürdigen Wachstumsraten sind das äußere Zeichen dieser Systemkrise. (Foto: DDP Images)

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China: Steht ein historischer Crash bevor?

Die Ratingagentur Moody’s warnt offen vor einer wirtschaftlichen Katastrophe, Analysten sehen große Strukturprobleme. Offizielle Zahlen aus China sind manipuliert.

Chinas Wirtschaft schwächelt nicht nur. Sie meldet in vielen Bereichen regelrechte Einbrüche. Die Ausfuhren liegen mittlerweile um 8 % bis 10 % unter dem Vorjahreswert. Die Kapitalmärkte signalisieren in einigen Segmenten nicht bloß eine Abkühlung der Konjunktur, sondern schwere Rückschläge. Dem Caixin/Markit-Einkaufsmanagerindex ­zufolge ist Chinas Indus­trie im Juli so stark geschrumpft wie seit 15 Monaten nicht mehr.

Doch eine Zahl steht wie eine Mauer: 7,0 %. Die Wachstums-planvorgabe der Regierung wird wundersamerweise immer ­exakt erfüllt. Wachstumsziel 7 % für 2015 – das Ergebnis wird Quartal für Quartal bei genau 7 % liegen, obwohl jeder Chinese weiß, dass das nicht sein kann. Doch die Regierung scheut sich, die magische Marke aufzugeben und befeuert damit bloß das Misstrauen in die wahre Lage Chinas.

Moody's warnt vor Absturz

Ein Blick in den Hamburger Hafen ist da schon erhellender. Denn dessen größter Handelspartner ist China. Laut veröffentlichten Zahlen von „Hamburg Hafen Marketing“ gingen im ersten Halbjahr 2015 die Umsätze mit China im Vergleich zum ersten Halbjahr 2014 um 10,9 % zurück.

Die Ratingagentur Moody’s hat nun vor einem weiteren Absturz der Aktien- und Immobilienmärkte in China gewarnt. Eine „scharfe und lang anhaltende Korrektur der Vermögenspreise“ im bevölkerungsreichsten Land sei eine der größten Gefahren für die Weltwirtschaft, heißt es im vierteljährlichen Wachstumsausblick, den die Bonitätswächter in London veröffentlichten. Auch andere Analysten sehen schwere strukturelle Probleme in China. Vor allem vier Dinge gelten als heikel:

1. Eine gewaltige Immobilienblase

China erlebt seit Jahren einen Immobilienboom. Aufgrund der minimalen Zinsen der staatlichen Geldinstitute kaufen sich selbst Geringverdiener eine Eigentumswohnung auf Kredit. In allen Ballungsräumen sind so bereits Geisterstädte entstanden, manche haben die Dimension deutscher Metropolen wie Stuttgart.

Mit dem Börsencrash und der lahmenden Konjunktur droht nun dem heiß gelaufenen Immobilienmarkt die große Korrektur. Ein Kollaps des Immobilienmarkts würde die chinesischen Banken vor gravierende Probleme stellen, denn seit 2008 ist das Volumen an Hypothekenkrediten exorbitant gestiegen. Für zahlreiche Banken machen Hypothekenkredite bereits etwa 40 % des gesamten Kreditvolumens aus.

2. Ein gigantisches Schattenbankensystem

Neben den bürokratischen Staatsbanken hat sich in China ein beachtlicher Markt von nicht registrierten Geldinstituten eta­bliert – sogenannte Non- und Near-Banks. Ein Teil des chinesischen Schattenbanksektors ist mafiös organisiert, undurchschaubar und unkontrollierbar. Allein das Kreditvolumen der chinesischen Schattenbanken beträgt laut dem McKinsey Global Institute 6,5 Bill. US-Dollar. Sie stehen für rund 30 % aller chinesischen Schulden.

3. Heiß gelaufene Aktienmärkte

Chinesische Aktienmärkte haben in den vergangenen Jahren einen hochspekulativen Boom erlebt, der von der Wirtschaftsentwicklung immer weniger gedeckt war. Das gesamte Land war von einem kollektiven Börsenfieber erfasst. Die Aktienstimmung war bis vor Kurzem wie zu Zeiten des Neuen Markts in Deutschland – befeuert von der kommunistischen Partei und ihren Medien.

So wurden die Massen ins große Spiel getrieben. Die Bewertungen erreichten damit teilweise exorbitante Größenordnungen. Binnen weniger Monate ist die Marktkapitalisierung Chinas um die doppelte Wirtschaftsleistung ganz Deutschlands emporgeschossen. Nun, da die Unternehmensgewinne fallen, setzt die große Korrektur ein.

4. Überkapazitäten

In den Jahren des Exportbooms hat China in einigen Branchen gewaltige Produktionssysteme aufgebaut, um möglichst aggressiv Weltmarktanteile zu erobern. Mit Subventionen der Regierung haben viele Branchen enorme Überkapazitäten aufgebaut, beispielsweise die Solarindustrie. Nun bricht das Wachstum ein, neue Konkurrenten produzieren teilweise günstiger als China, alte Konkurrenten liegen technologisch weiter vorn. Und so stehen große Fabrik- und Montagehallen plötzlich leer.

5. Planwirtschaft

Immer deutlicher zeigt sich, dass das chinesische System einer parteilich gelenkten Marktwirtschaft an seine Grenzen stößt. Die unglaubwürdigen Wachstumsraten sind das äußere Zeichen dieser Systemkrise. Die Manipulation des Yuan gilt als Fanal. Die Entwicklung an den Aktienmärkten ist die brutale Demaskierung. Auch hier versucht das Regime nun mit Neo-Planwirtschaft die Korrektur: Im Juli setzte die chinesische Börsenaufsicht den Handel von 1 400 Unternehmen einfach aus.

Zugleich wurde der Handel scharf reglementiert, die freie Börsenberichterstattung eingeschränkt. Die Partei greift tief in die Währungsreserven, um die Märkte nach oben zu manipulieren. Doch genau das löst neue Verkäufe aus, weil man dem System zusehends weniger traut.

Der Großbrand im Hafen von Tianjin wurde schließlich zum ultimativen Krisensymbol. Der Handelshafen ging in Flammen auf, Exporte kommen zum Erliegen und die Partei kümmert sich vor allem um eine manipulierende Informationspolitik. Wirtschaftlich wie politisch: Es braut sich etwas zusammen in China.

04.10.2015 | 11:23

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