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In China haben bisher hohe Wachstumsraten Schwächen überdeckt. (Foto: Shutterstock)

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Chinas Wirtschaftswunder droht der Kollaps

Der Handelsstreit mit den USA bremst die exportabhängige chinesische Industrie. Das Wachstum der zweitgrößten Volkswirtschaft ist so niedrig wie seit 17 Jahren nicht mehr. Immer mehr Branchen melden Einbrüche. Und die Krise in Hongkong stellt die Systemfrage.

Schwache Konjunkturdaten aus China: Die Produktion im Industriesektor ist im Sommer auch wegen der Folgen des Handelsdisputs mit den Vereinigten Staaten so langsam gestiegen wie seit 2002 nicht mehr. Auch der Einzelhandelsumsatz sowie die Investitionen fielen schwach aus. Rund um den Erdball wächst nun die Sorge, dass Chinas historisches Wirtschaftswunder zu Ende geht. Das hätte für die Weltwirtschaft gravierend negative Folgen. Für ihr Wachstum setzen vor allem deutsche Firmen voll auf China. Bricht die Konjunktur dort ein, könnte die Volksrepublik insbesondere für die deutschen Konzerne zur Falle werden.

Die chinesische Industrie schrumpfte in den Sommermonaten drei Monate in Folge. Der entsprechende Einkaufsmanager-Index lag im Juli bei 49,7 Punkten, wie das Statistikamt des Landes mitteilte, und damit weiter unterhalb der wichtigen Marke von 50 Punkten, oberhalb der Wachstum angezeigt wird. Die offiziellen Zahlen der Regierung meldeten für das zweite Quartal noch um 6,2 Prozent Wachstum. Die Rate fiel damit auf das niedrigste Niveau seit fast drei Jahrzehnten. Experten halten diese staatlichen Daten allerdings für geschönt. Die wahre Konjunkturlage zeige inzwischen Rezessionszeichen.

Chinesische Autoverkäufe sinken


Im chinesischen Automarkt ist die Konjunkturschwäche besonders deutlich abzulesen. Im Juli gingen die Verkäufe von Pkw im Jahresvergleich um 5,3 Prozent auf 1,51 Millionen Fahrzeuge zurück, wie der Branchenverband China Passenger Car Association (PCA) in Peking mitteilte. Dies markiert für den weltweit größten Automobilmarkt den 13. monatlichen Rückgang in Folge. Bereits im Juni wurde ein Rückgang von 9,6 Prozent verzeichnet, nach 16,4 Prozent im Mai. Der Verband sagte zuvor voraus, dass der Autoverkauf in China in diesem Jahr um 5 Prozent auf 26,68 Millionen Fahrzeuge sinken werde. Im vergangenen Jahr gingen Chinas Autoverkäufe zum ersten Mal seit mehr als zwei Jahrzehnten zurück, um 2,8 Prozent auf   28,1 Millionen. In den ersten sieben Monaten des Jahres 2019 verringerte sich der Gesamtabsatz von Automobilen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 11,4 Prozent auf 14,13 Millionen. Der Pkw-Absatz machte rund 82 Prozent des Gesamtabsatzes aus. China hat in den ersten sieben Monaten 11,65 Millionen Pkw verkauft, ein Rückgang von 12,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Nutzfahrzeuge machten mit 2,48 Millionen verkauften Einheiten von Januar bis Juli die restlichen 18 Prozent des Gesamtabsatzes aus.

Aus dem Maschinenbau werden ähnliche Einbrüche gemeldet. Der Baumaschinenkonzern Komatsu verzeichnete für das zweite Quartal einen Einbruch des China-Geschäfts von 28 Prozent. Die China-Aufträge für den Roboterbauer Kuka halbierten sich.

Neue Waffe im Handelskrieg

Die Volkswirte der Commerzbank blicken pessimistisch auf die chinesische Wirtschaft. Chefvolkswirt Jörg Krämer warnt: Chinas Wirtschaft mache trotz Kreditvergabelockerungen und Konjunkturprogrammen keine Anstalten, sich zu erholen. Krämer verweist auf den Handelskonflikt mit den USA. China habe mit der Abwertung der eigenen Währung eine neue Waffe in den Handelskrieg eingeführt. „Offenbar will China gegenüber den USA nicht klein beigeben“, sagte der Ökonom. Die USA hingegen wollten den wirtschaftlichen, politischen und militärischen Aufstieg Chinas aufhalten. Krämer rechnet mit einem „Dauerzustand“ – vergleichbar mit dem Kalten Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg. Der chinesische Wachstumspfad könnte so dauerhaft gesenkt werden. „Die deutsche Wirtschaft leidet bereits seit gut einem Jahr unter der nachlassenden Nachfrage aus China und der Unsicherheit, die vom Handelskrieg ausgeht“, sagte Krämer.

Immer größer wird nun die Sorge, dass die goldenen Jahre des chinesischen Wirtschaftswunders insgesamt zu Ende gehen könnten. Die politische Krise in Hongkong sei ein Vorbote dafür, dass in China eine neue Generation mehr demokratische Teilhabe einfordere. Zugleich steigen die sozialen Spannungen im Land. Das Einkommensgefälle zwischen Arm und Reich ist enorm angewachsen.

Insgesamt leidet das System an tiefen Strukturschwächen, die nur durch hohe Wachstumsraten zugedeckt worden sind. Der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang warnt bereits öffentlich, China müsse aufmerksamer auf faule Kredite, Kreditausfälle, den Schattenbankensektor und Internet-Finanzdienstleistungen achten. Zudem sollten Schulden abgebaut werden, vor allem bei den Unternehmen. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt liegt die Staatsverschuldung nun bei rund 260 Prozent.

Tatsächlich ist die chinesische Wirtschaftswelt extrem zweigeteilt. Auf der einen Seite sind in den vergangenen Jahren vor allem im Technologiesektor hochprofitable Privatunternehmen entstanden – wie beispielsweise Alibaba und Tencent oder der Netzwerk- und Smartphone-Hersteller Huawei. Auf der anderen Seite steht ein maroder Kombinatsblock von alten Staatsbetrieben, die völlig ineffizient und nach Planvorgaben Milliarden verbrennen, um die Arbeitsplätze und die soziale Infrastruktur zu erhalten.

Hinzu kommt, dass die langjährige Ein-Kind-Politik nun zu einer demografischen Falle geworden ist. Chinas Bevölkerung überaltert rapide. Die Zahl der Rentner über 65 Jahre hat sich seit 1980 mehr als verdoppelt. Über 220 Millionen Chinesen sind älter als 60 Jahre. Im Jahr 2040 wird Chinas Bevölkerung im Durchschnitt 50 Jahre alt sein. Keine gute Voraussetzung für den Aufstieg zu einer innovativen und dynamischen Weltmacht.

12.09.2019 | 09:38

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