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Ideales Verkehrsmittel, um Abstand zu halten und sich sportlich zu betätigen: Das Fahrrad erlebt durch die Corona-Krise einen ungeahnten Aufschwung (Foto: Shutterstock).


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Es läuft rund: Corona-Krise löst Fahrrad-Boom aus

Leer gekaufte Läden und Online-Shops, Umsatzrekorde bei Herstellern und Händlern, und immer mehr Menschen auf dem Rad: Die Fahrradbranche erlebt derzeit durch Corona einen unerwarteten Boom – und entpuppt sich so als echter Gewinner der Krise.

Schlangen von Radfahrern auf den Straßen und Radwegen: Seit dem Frühjahr bietet sich überall in Deutschland dasselbe Bild – ob in den Großstädten oder auf dem Land. „Besonders in der Zeit des Shutdowns hat das Fahrrad enorm an Popularität gewonnen, es wurde anteilig deutlich stärker genutzt als zuvor“, sagt Stephanie Krone, Sprecherin des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC). „Das Fahrrad liegt generell im Trend, durch Corona ist aber ein sehr hoher Andrang zu verzeichnen“, ergänzt Tobias Hempelmann, Vorstandsmitglied des Verbands des Deutschen Zweiradhandels (VDZ) und Inhaber eines mittelständischen Fahrradgeschäfts. Industrie und Handel erlebten in den Wochen nach dem bundesweiten Shutdown einen ungeahnten Ansturm und explodierende Umsätze. Corona bescherte laut Hempelmann ein Umsatzplus von 40 bis 80 Prozent für die Monate Januar bis Juni 2020, im Vergleich zu den entsprechenden Monaten 2019. In den Ballungsgebieten fiel die Steigerung höher aus als im ländlichen Bereich.

Dabei erlebte die Branche in diesem Jahr coronabedingt einen schweren Saisonstart. „Zunächst hatte die Fahrradindustrie wegen des Shutdowns Mitte Februar in Asien Probleme mit den Lieferketten, was die Produktion bei den Firmen erschwerte“, erklärt David Eisenberger, Leiter Marketing und Kommunikation beim Zweirad-Industrie-Verband (ZIV). Zudem ergab sich ein Absatzproblem, weil die Läden geschlossen waren und nur die Werkstätten geöffnet sein durften. „Die Werkstätten haben wegen der Reparatur gebrummt.“ Auch der Verkauf via Internet und Telefon verzeichnete große Zuwächse. Der stationäre Handel hingegen kämpfte während des Shutdowns mit Umsatzeinbußen von 30 bis 80 Prozent, weiß Hempelmann vom VDZ. Wegen geschlossener Läden erfolgte der Saisonstart 2020 statt wie sonst im März verzögert erst Ende April. „Als dann die ersten Läden öffneten, fand ein richtiger Run statt“, ergänzt Eisenberger. Lange Schlangen in den Läden und lange Schichten für den Handel. „Bereits Ende Mai hatten Industrie und Handel aufgeholt, was vorher nicht verkauft wurde.“

Weiterer Grund für den Boom: Das Fahrrad erwies sich in der Pandemie als Verkehrsmittel der Stunde. „Es handelt sich um eine der wenigen Sportarten, die es ermöglicht, die Abstände einzuhalten und sich auch während des Shutdowns sportlich zu betätigen“, sagt VDZ-Vorstandsmitglied Hempelmann. Neben der Freizeitgestaltung, um dem Lagerkoller zu entfliehen, erwies sich das Rad zusätzlich für zahlreiche Eltern zu einer sinnvollen Kinderbeschäftigung – in Zeiten von geschlossenen Kitas, Schulen, Spielplätzen und Vereinen. Dazu bietet das Fahrrad eine attraktive Alternative zum Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), den viele Menschen im Zuge des Infektionsrisikos noch immer meiden. „Auch die WHO und das Bundesgesundheitsministerium haben das Fahrrad als sicheres Fortbewegungsmittel ausdrücklich empfohlen“, berichtet Stephanie Krone vom ADFC. Die Zeit, die die Menschen auf dem Rad verbracht haben, habe sich durch Corona verdoppelt. Und der Anteil des Radverkehrs am Gesamtverkehr habe sich in der Shutdown-Zeit verdreifacht. Und der Zuspruch setzt sich fort: „Fahrradurlaub in Deutschland ist für viele in diesem Jahr ein interessanter Reiseersatz“, sagt Hempelmann in Anspielung auf die noch geltenden Reisebeschränkungen. Passend zu den coronabedingten Vorzügen gesellten sich noch ideale Wetterbedingungen hinzu. So landeten in den vergangenen Wochen etliche Neuaufsteiger auf dem Rad. Die neuen Käuferschichten sorgen laut Eisenberger vor allem im Einstiegsbereich mit Rädern für 300 bis 500 Euro für große Zuwächse, aber auch Kinder- und Jugendfahrräder, Reise- und Trekkingräder sowie E-Bikes werden verstärkt gekauft.

Auch wenn es rund läuft: Wird der Boom anhalten und die Krise überdauern? „Für die Branche lief es schon in den vergangenen Jahren gut“, erläutert Eisenberger. Aspekte wie Gesundheit, Unabhängigkeit, Nachhaltigkeit und Klimaschutz haben dem Fahrrad zu einer hohen Attraktivität verholfen, was Corona letztlich gebündelt habe. Auch Hempelmann sieht „eine gesunde, positive Entwicklung“, von der er glaubt, dass diese anhält. „Das Fahrrad wird weiterhin im Trend bleiben.“

Um das Rad als Verkehrsmittel künftig zu stärken, bedarf es aber noch einiger Anstrengungen. „Die Deutschen müssen das Fahrrad als gleichgestelltes Fortbewegungsmittel neben dem Auto akzeptieren“, fordert Hempelmann. Neben der Denkweise müssen sich aber auch die Rahmenbedingungen verbessern. Laut Eisenberger braucht Deutschland mehr sichere und komfortable Radwege sowie ausreichend Abstellmöglichkeiten. Und Krone kritisiert: „Schon vor Corona war die Radinfrastruktur vollkommen veraltet und unterdimensioniert – und die Unfallsituation für Radfahrende hat sich kontinuierlich verschlechtert.“ Im April und Mai 2020 gab es mehr tödlich verunglückte Radfahrer, 36 Prozent mehr als im April und 10 Prozent mehr als im Mai 2019. „Das ist ausgesprochen beunruhigend. Denn die Vervielfachung des Radverkehrs ist ausdrückliches Ziel der Bundesregierung." Dennoch komme der Ausbau der Infrastruktur zu langsam voran. Popup-Infrastrukturelemente wie in den weltweiten Metropolen und nun auch in Berlin, seien schnelle Möglichkeiten. Der ADFC hält es für einen Fehler, dass im Konjunkturpaket der Bundesregierung keine ausdrückliche Förderung von Auto-Alternativen vorgesehen ist. Auch der ZIV begrüßt eine Mobilprämie für ÖPNV, Fahrrad und Bahn. „Auch wenn Deutschland ein Automobilland ist, dürften andere Mobilitätszweige nicht vergessen werden. Es wäre schön, wenn es ein Signal für eine Verkehrswende geben würde“, hofft Eisenberger.

Vera König

06.07.2020 | 10:00

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