(Bild: picture alliance/dpa | Michael Kappeler)



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„Guten Tag, ich hätte gern einen Impf-Ausweis“

Ab heute gibt es ihn, den digitalen Impfausweis. So sagt es jedenfalls Jens Spahn und so ist überall zu lesen. Wer sich aufmacht, ihn zu bekommen, erlebt eine Überraschung. Hier der Selbstversuch.

Seit heute gibt es ihn, den digitalen Impfpass. Unser Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat es eben bestätigt und Lothar Wieler, der Herr der Corona-Daten und Chef des Robert-Koch-Instituts hat dazu genickt. Beiden war bei der Impfpass-Vorstellungs-Konferenz eine gewisse Genugtuung anzumerken, dass es nun geklappt hat. Also los, habe ich mir gedacht: Holst Du Dir einen.

Nun muss ich vorwegschicken, dass ich sowohl medizinisch wie digital ordentliches Mittelfeld bin. Medizinisch hat mich Corona nicht wahnsinnig gemacht, aber ich habe mich an die Regeln gehalten, zumindest an die, die ich verstanden habe. Irgendwie habe ich die Sache dann ausgesessen. Digital erledige ich die Dinge, die mir Spaß machen und die ich brauche. Die Corona-Warn-App gehört nicht dazu, ich habe ihre Funktionsweise nie verstanden und wie sich inzwischen herausstellt, ihre Entwickler offenbar auch nicht. Aber so einen digitalen Impfausweis will ich haben. Das gelbe Büchlein aus Pappe nämlich vermisse ich seit meiner späten Jugend und habe ein neues organisieren müssen, um die Corona-Impfungen dort eintragen zu lassen. Hast Du es digital, vergisst Du allenfalls das Password, aber es geht nicht verloren, denke ich und möchte es digital haben. Heute.

Außerdem habe ich die Tage ein Interview mit einem EU-Experten gehört. Er hat gesagt, vieles gelingt der EU nicht auf Anhieb, aber die Sache mit dem digitalen Impfpass sei wirklich unglaublich gut gelaufen. Alle haben an einem Strang gezogen, alle haben Gehirnschmalz einfließen lassen und herausgekommen ist ein digitaler Impfpass, um den uns fortan die Welt beneidet.

Jetzt möchte ich ihn noch mehr haben und lese, dass es eine App gibt, die „CovPass“ heißt. Logisch denke ich, App laden, diese Daten aus den Aufklebern im Impfpass übertragen. Fertig. In Belgien soll es so laufen, hat mir eine Kollegin erzählt. Ich suche. Es gibt: „Impfpass.de“, es gibt „Digitaler Impfpass+“, es gibt „mein Impfpass“ von der AOK und sonst noch so einiges. „CovPass“ finde ich nicht und frage zur Sicherheit nochmal meine Tochter, die digital in der Oberliga spielt, aber die findet auch: nichts.

Okay – mittlerweile ist der Auftritt von Jens Spahn vorbei, und er hat dabei sogar verzückt in die Impfpass-App auf seinem eigenen Handy geguckt. Ich google mich schlau und stelle fest, dass es den digitalen Impfpass in der Apotheke gibt. Der Deutsche Apothekerverband habe eine Plattform installiert, auf die alle Apotheken Zugriff haben und damit klappt es ruckzuck. „Guten Tag“, sage ich in meiner Stadtteil-Apotheke nebenan, wedele mit meinem Impfpass und füge hinzu: „Ich hätte den gerne in digital.“ Die freundliche Apothekerin lächelt und sagt, das geht nicht. Aber es stehe doch überall, dass es gehe, und ihr Berufsverband sage das auch, erwidere ich. „Der Verband“, sagt sie, „hat heute Morgen ein Fax geschickt mit einer Anleitung.“ Aber sie habe noch nicht ganz genau verstanden, wie es gehe. Ob ich Ende des Monats wiederkommen möchte?
I
ch radele weiter. Bei dem schönen Wetter ist das ja kein Problem. Ich fahre zur ersten Apotheke der Stadt. Es ist eine große Stadt im Westen des Landes und eine große Apotheke in bester Lage im Herzen der Altstadt, und sie heißt, wie Apotheken heißen müssen: Hirsch. Die Szene allerdings ist die gleiche: Passwedeln, fragen, Kopfschütteln. Immerhin hat die jüngere Dame hier heute Morgen eine Email gelesen. Vom Verband. Sie hat sie noch nicht ganz durchgestöbert, aber es sieht so aus, sagt sie, als könnte ich bei ihr mein Glück in dieser Sache bereits am nächsten Montag nochmal versuchen.

Jetzt hast Du so lange auf alles gewartet, denke ich mir. Da kommt es auf die paar Tage auch nicht an. Ich beschließe, Jens Spahn an diesem Tag mal nicht die Laune zu verderben. Immerhin weiß ich jetzt, wo in meinem Stadtviertel das nächste Faxgerät steht.

Oliver Stock

10.06.2021 | 14:49

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