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Impfen: Siemens prescht in Italien vor

Bei Siemens in Italien gelten bald strenge Regeln: Entweder man ist geimpft, oder die Beschäftigten müssen regelmäßig die Tests aus eigener Tasche bezahlen, was das Gehalt auffressen würde. Sonst kommt man nicht mehr an den Arbeitsplatz.

Der Siemens-Konzern ist das erste große deutsche Unternehmen, das zumindest in Italien allen Mitarbeitern eine Impf- oder Testpflicht vorschreibt, um an den Arbeitsplatz gelangen zu können. Damit kommt der deutsche Technologieriese sogar der Regierung in Rom zuvor, die derzeit über eine Impfpflicht für alle Beschäftigten im öffentlichen Dienst nachdenkt. Die Siemens-Beschäftigten, müssen ab dem 27. September den sogenannten „Green Pass“ vorlegen, um die Arbeitsplätze in den Verwaltungen in Mailand und weiteren elf Standorten zu betreten. Für die Produktion sollen abgemilderte Regeln gelten. „Wir wollen so Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz garantieren und den Betrieb sicherstellen“, teilte der Chef von Siemens Italia, Pierfrancesco De Rossi mit. Mitarbeiter ohne Green Pass könnten auf Home Office ausweichen, eine Möglichkeit, die es bei Siemens bereits seit 2018 für rund 3000 Beschäftigten gäbe.

„Mehrere interne Umfrage haben bestätigt, dass die Mitarbeiter darauf vertrauen, dass alles für ihre Gesundheit von Seiten des Unternehmens unternommen wird“, so De Rossi in einer Mitteilung des Unternehmens weiter. Für die Beschäftigten habe dies höchste Priorität. Nach Siemens-Angaben sind bereits 90 Prozent der italienischen Belegschaft vollständig geimpft. Das habe eine interne Befragung ergeben, an der sich die Mitarbeiter freiwillig beteiligt hätten. Siemens Italia SPA hat für das vergangene Jahr einen Umsatz von 1,1 Milliarden Euro ausgewiesen, 15,4 Prozent weniger als noch 2019.

Beschäftigte, die sich aus bestimmten Gründen nicht impfen lassen können, bekommen laut Siemens die Tests bezahlt. „Wer aus eigener Entscheidung aber auf die Impfung verzichtet, der muss die Tests künftig selbst bezahlen“, betonte De Rossi gegenüber der Mailänder Tageszeitung „Corriere della Sera“. Er nimmt dabei bewusst in Kauf, dass Ungeimpfte aus dem Alltag im Büro ausgeschlossen werden. Tatsächlich würden die Kosten für die Tests das gesamte Gehalt aufzehren, rechnet er vor. „Ungeimpfte im Home Office sind eher zu verschmerzen als der Fortbestand der pandemiebedingten Notsituation.“

Mit großen Kontroversen rechnet der italienische Siemens-Boss nicht. Die Maßnahme werde von der überwiegenden Mehrheit mitgetragen. Tatsächlich sind bisher andere italienische Unternehmen vor derart drastischen Schritten noch zurückgeschreckt. Der Chef der Supermarktkette Conad, Francesco Pugliese erntete vergangene Woche wütende Reaktionen als er in einem Interview sagte: „Die meisten unserer Kunden sind geimpft. Die sollen dann ungeimpfte Mitarbeiter in unseren Geschäften akzeptieren? Das geht nicht! Diese Leute müssen damit rechnen, dass sie am Ende ohne Gehalt draußen bleiben.“ Im Netz folgten Aufrufe zum Boykott von Conad, die Pugliese gelassen kommentierte: „Dann sind unsere Kunden wenigstens sicher, dass keine Ungeimpften im Laden stehen.“ Auch die Konkurrenten Esselunga, Coop, Lidl und Aldi habe ihre grundsätzliche Zustimmung zum Green Pass in den eigenen Reihen signalisiert. Eine Pflicht zum Green Pass haben die Einzelhandelsriesen aber bisher noch nicht eingeführt.

Gar nicht gelassen reagiert die Metall-Gewerkschaft FIOM auf den Siemens-Vorstoß. „Das ist illegal“; tobt Stefano Bonazzi, FIOM-Sekretär in Genua, wo der deutsche Konzern seit 2014 einen hochmodernen Standort für Industriesoftware mit mehr als 600 Beschäftigten betreibt. Man sei grundsätzlich für die Impfung und befürworte auch, dass entsprechende Gesetze eingeführt werden. „Aber wir wehren uns gegen einen Dschungel willkürlicher Entscheidungen in den Betrieben“, so Bonazzi, der nachlegt: „Bisher gibt es kein Gesetz, das einen Green Pass für einen Zugang zu Industriestandorten vorschreibt. Diese Tatsache gilt auch für Siemens:“

In Rom dürfte der Vorstoß von Siemens hingegen vor allem bei Regierungschef Mario Draghi gut ankommen. Der will alle staatlichen Beschäftigten demnächst zum Impfen verdonnern. In einem ersten Schritt wurden bereits Lehrer, Dozenten und das medizinische Personal zum Green Pass verpflichtet. Wer dem nicht nachkommt bekommt kein Gehalt mehr. Renato Brunetta, Minister verantwortlich für die öffentliche Verwaltung, will nicht nur die Staatsdiener sondern auch die Mitarbeiter privater Firmen im öffentlichen Bereich zum Impfnachweis oder Dauertest verpflichten. Italienische Medien spekulieren, dass bereits kommende Woche ein entsprechender Erlass in Rom verkündet werden könnte.  

Allerdings kuscheln die mitregierenden Rechtsaußen der Lega um Matteo Salvini mit dem Lager der Impfgegner. Dort will man bei den Anfang Oktober anstehenden Kommunalwahlen zusätzliche Stimmen abschöpfen. Premier Draghi steht darum vor der Entscheidung: klar Kurs halten oder politische Befindlichkeiten berücksichtigen. Offenbar will Draghi noch diese Woche den unberechenbaren Salvini einbinden oder in die Ecke stellen. Kürzlich hat er den Rechtsaußen schon einmal in der Corona-Frage ins Leere laufen lassen. In Italien glauben viele Beobachter, dass „Super Mario“ fest entschlossen ist, die Fesseln der Pandemie abzuschütteln und die Wirtschaft des Landes ohne Beschränkungen wieder anzukurbeln. Dazu will man in Rom möglichst viele Bürger dazu bringen, sich impfen zu lassen. Wenn Überzeugung nicht fruchtet, dann eben mit immer mehr Beschränkungen.

Doch Italien wäre nicht Italien, fände man auch nicht in dieser Frage am Ende eine pragmatische Lösung. Ein Beispiel sind die Restaurants und Bars, wo die Gäste seit Mitte August ebenfalls nur mit Green Pass Einlass bekommen sollen. Viele Touristen haben in den vergangenen Wochen aber in Italien erlebt, dass in der Praxis keiner nach dem Impfnachweis oder den anderen Unterlagen fragt, die man brav vor der Reise in den Süden ausgefüllt hat. Fragt man aber bei den Menschen vor Ort nach, so könnten viele den Nachweis bei Bedarf zücken. Nicht aus Zwang - sondern aus Überzeugung.

Andreas Kempf

13.09.2021 | 17:51

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