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Kurzarbeit wird Exportschlager

Während international ehemalige Kritiker des deutschen Modells auf Kurzarbeit setzen, wachsen bei Betroffenen in Deutschland die Zweifel, dass sie nicht doch in der Arbeitslosigkeit landen.

Deutschland hat einen neuen Exportschlager: Kurzarbeit. Das System, das Firmen von Lohnkosten entlastet, ohne dass sie gleich entlassen werden, findet in der Krise Nachahmer in Ländern, die an sich einen anderen Kurs vertreten.

Großbritannien und die USA sind an sich stolz auf ihre liberalen Arbeitsmärkte, in denen das Entlassen genauso schnell geht wie das Einstellen. Nun aber denken sie um. Die britische Regierung hat auf dem Höhepunkt der Pandemie auf der Insel das „Coronavirus Job Retention Scheme“ aus der Taufe gehoben: Wenn es in einem Unternehmen vorübergehend nichts zu tun gibt, die Firma ihre Mitarbeiter aber trotzdem nicht entlässt, trägt der Staat bis zu 80 Prozent des Lohns. Beispiellos sei das, meint Schatzkanzler Rishi Sunak, der Ende Mai dieses Programm zunächst bis Oktober verlängert hat.

Durch die nationale Brille gesehen hat Sunak recht, tatsächlich aber ist das britische Modell dem deutschen verblüffend ähnlich. Hierzulande befanden sich laut Münchner Ifo-Institut allein im Mai mehr als sieben Millionen Menschen in Kurzarbeit. Rund ein Fünftel aller Beschäftigten in Deutschland konnten nicht ihrer geregelten Arbeitszeit nachgehen. In der Geschichte der Bundesrepublik ist das ein Rekordwert. Das System wirkt dabei wie ein Puffer: Die Menschen landen in der Kurzarbeit und damit nicht in der Arbeitslosigkeit, die in Deutschland entsprechend moderat von vier auf knapp sechs Prozent gewachsen ist. Die Arbeitsagenturen, über die die Kurzarbeit abgewickelt wird, rechnen damit, dass die Maßnahmen in diesem Jahr bis zu 30 Milliarden Euro kosten werden. Arbeitnehmer, die sich in Kurzarbeit befinden, erhalten 60 Prozent ihres Lohns von der Arbeitsagentur. Einige Unternehmen stocken dieses Kurzarbeitergeld aus der Firmenkasse auf.

Nicht nur in London, auch in Washington hat die Administration das deutsche Modell für sich entdeckt: Die viel gescholtene Trump-Regierung ist kreativ geworden und macht Werbung für das „Paycheck Protection Program“: eine Form von Unternehmenskrediten, die dann nicht zurückgezahlt werden müssen, wenn sie zum Erhalt von Arbeitsplätzen eingesetzt werden. Wegen der anhaltenden Gesundheitskrise ist die Frist für Anträge zu diesem Programm jüngst bis zum August verlängert worden. Natürlich würde es keinem US-Republikaner einfallen, dieses System als Anleihe an das zu sehen, was es ist: Kurzarbeit nach deutschem Muster.

Die Administrationen in Großbritannien und den USA wissen, dass sie mit Initiativen eine massive Arbeitslosigkeit, die nach der Krise erst mühsam abgebaut werden muss, abmildern können. Sie wissen auch, dass mangelnde Lohnzahlungen die Nachfrage weiter einbrechen lassen würde, was niemandem hilft. Allerdings galten sie bisher als Kritiker dieses Modells. Ihr Argument: Kurzarbeit diene schnell dazu, Firmen, die sich in Strukturproblemen verfangen haben, das Siechtum zu verlängern.

Genau dieser Eindruck macht bei Menschen in Deutschland, die sich in Kurzarbeit befinden, mehr und mehr die Runde: Hierzulande wachsen bei den Betroffenen die Zweifel, ob sie aus der Kurzarbeit wieder hinaus in ihren regulären Job finden werden. Ein Drittel glaubt nicht daran, ergibt eine aktuelle Untersuchung des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung. Besonders im Gastgewerbe, im Kunst- und Unterhaltungssektor und im Handel sind die Sorgen groß, dass die Kurzarbeit doch noch in der Arbeitslosigkeit endet.

oli

08.07.2020 | 14:16

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