(Bild: WMG)



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Macher der Woche: Karl Lauterbach

Im Internet kocht eine Bewegung hoch, die den SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach an der Stelle von CDU-Mann Jens Spahn als Minister sehen will. Doch auch Lauterbach hat in seiner Karriere nicht immer richtig gelegen. Wieso ist der Miesepeter der Nation dennoch so beliebt?

Sein Haar, es ist fast so wirr wie das von Boris Johnson. Die Brille ist ein Harry-Potter-Modell, und die Fliege hat er abgelegt, es trägt sie ja auch wirklich sonst keiner mehr: Karl Lauterbach, Miesepeter der Nation, Professor für Epidemologie, Politiker und als solcher Gesundheitsexperte der SPD hat ohne Zweifel Kultstatus erreicht. Seit dieser Woche haben seine Anhänger auf Twitter unter dem Titel „WirWollenKarl“ eine Kampagne losgetreten, die dazu führen soll, dass Lauterbach den zunehmend glücklosen Jens Spahn (CDU) als Gesundheitsminister ablöst. Weil aber nicht die Twitter-Nutzer, sondern die Kanzlerin das Kabinett bestimmt, dürfte Lauterbach bis auf weiteres eher an Talk-Show-Tischen als auf der Regierungsbank sitzen. Wer ist der Mann, der von „Alarmsirene“ bis „Gesundheitsminister der Herzen“ die widersprüchlichsten Beschreibungen auf sich vereint?

Von der CDU in die SPD

Aufgewachsen im katholischen Rheinland, studiert in Aachen, promoviert er 1991 zum Doktor der Medizin in den USA. Ein weiteres Studium der Gesundheitsökonomie folgt. 1998 wird Lauterbach Direktor und Professor des Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie (IGKE) an der Uni Köln. Zehn Jahre später steigt der fünffache Vater zum Professor für Gesundheitspolitik und -management an der Harvard School of Public Health auf. Nach dem Studium tritt der Mediziner zunächst in die CDU ein, lässt sich vom damaligen Kanzler Gerhard Schröder beeindrucken und wechselt 2001 in die SPD. 2005 erringt er im Wahlkreis „Leverkusen – Köln IV“ ein Direktmandat für den Bundestag, das er seither verteidigt, weil er hartnäckig ist, weil er den politischen Gegner zwar ausreden, aber ihm nicht das letzte Wort überlässt. Der Mann, der sich mit Journalisten zum Essen trifft und demonstrativ über die Schädlichkeit von Salz referiert, wird Vizechef der SPD-Bundestagsfraktion, verliert aber deutlich, als er sich 2019 für den SPD-Vorsitz bewirbt. Es ist seine größte politische Niederlage nach dem Scheitern seines Lieblingsprojekts: der Bürgerversicherung. Für sie hat er sich stark gemacht, doch sie ruht derzeit tiefer im politischen Grab als eine Rentenreform oder eine Vermögensabgabe.

Es gibt allerdings auch einen anderen Karl Lauterbach. Der, der in der Ärzteschaft nicht den besten Ruf hat, seitdem er lautstark verkündet hatte, dass ein Drittel aller Röntgenuntersuchungen überflüssig seien. Oder den, der zwölf Jahre im Aufsichtsrat der Rhön-Kliniken saß und kein Problem dabei hatte, das mit seiner politischen Karriere zu verknüpfen. Oder auch den Wissenschaftler, der Studien zum Bayer-Medikament Lipobay anfertigte, als andere schon vor der Krebs hervorrufenden Wirkung des Blutdrucksenkers warnten. Nach tausenden von Klagen nahm Bayer das Medikament vom Markt – trotz Lauterbach.

Aus dem Abseits an die Spitze

Das alles ist vergessen, weil Lauterbach in der Pandemie zwar nicht zur guten Laune beiträgt, aber mit seinen Warnungen oft richtig liegt. Dabei war er nicht einmal mehr Mitglied im Gesundheitssauschuss. Die politischen Kollegen hatten den Unbequemen, den nörgelnden Parteifreund zu Beginn der Legislaturperiode in das Gremium gesteckt, das Rechts- und Verbraucherschutz-Fragen diskutiert. Seit dem ersten Corona-Fall in Deutschland ist Lauterbach jedoch in seine Stammdisziplin zurückgekehrt, und die SPD lässt ihn gewähren. Er tritt auf, wie der Versicherungsvertreter, der den Unfall in grellen Farben schildert, um seine Police zu verkaufen. Im Gegensatz zu ihm, behält Lauterbach, zumindest was die Ausmaße des Unfalls anbelangt, jedoch oft recht. Noch vor der ersten Welle, als in Bergamo die Lastwagen rollten und die Hospitäler nicht mehr helfen konnten, sagt er: Bald gebe es ähnliche Zustände in Deutschland, man müsse schnell reagieren und trägt mit diesen Warnungen dazu bei, dass die erste Welle vergleichsweise glimpflich abläuft. „Ich will etwas erreichen, und zwar in erster Linie für die Gesundheit der Bevölkerung“, sagt er. Es trifft sich gut, dass er genau dazu in Harvard einen Kurs belegte: Einer seiner Lehrer galt als Strategieexperte, der eine Software entwickelt hatte, die ein Leitfaden für Wissenschaftler werden sollte, die ihre Ideen politisch durchzusetzen wollten. Lauterbach hat offenbar aufgepasst.

Der Professor saugt Wissen auf, wie andere den dampfenden Tabak einer Zigarette. Er habe da eine Studie gelesen, ist in seinem Wortschatz der Standardanfang zu einer neuen Ausführung.  Und dann erklärt er auf Twitter, in der Tagesschau oder bei Markus Lanz, was er gelesen hat und interpretiert es für sein Publikum gleich mit. Einer seiner ehemaligen Parteifreunde, der Ex-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück, der ihn bei einem Wahlsieg schon einmal zum Gesundheitsminister machen wollte, beschrieb die Haltung mancher in Deutschland  im Hintergrund einmal so: „Den Deutschen geht es nicht um Leben oder Tod. Es geht ihnen um mehr.“ Es könnte sein, dass der gescheiterte Kanzlerkandidat damit seinen Schattenkabinettsminister im Kopf hatte.         

Oliver Stock


19.03.2021 | 13:08

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