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Ulrich Leitermann, Vorstandsvorsitzender der Signal Iduna (Foto: Signal Iduna).

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"Menschen wollen smarte Lösungen für den Alltag"

Ulrich Leitermann, Vorstandsvorsitzender der Signal Iduna, über geschäftliche Entwicklungen des laufenden Jahres, Startups als Vorbilder für Traditionsunternehmen, die Wichtigkeit der Blockchain-Technologie und die wachsende Gefahr der Altersarmut.

WirtschaftsKurier: Sie blicken auf ein erfolgreiches Geschäftsjahr 2018 zurück. Die Zahlen zeigen, dass die traditionellen Geschäftsfelder wie Krankenversicherung, Sachversicherung und betriebliche Altersversorgung gut liefen und deutlich über dem Marktdurchschnitt lagen. Was ist das Erfolgsrezept der Signal Iduna und wie läuft das aktuelle Geschäftsjahr?

Ulrich Leitermann: Unser Ergebnis im vergangenen Jahr war sehr zufriedenstellend – vor allem wenn wir berücksichtigen, dass der Markt wettbewerbsintensiver wird. Unsere Beitragseinnahmen lagen bei 5,74 Milliarden Euro – das ist ein Plus von 0,9 Prozent. Das Gesamtergebnis blieb mit 719 Millionen Euro auf hohem Niveau nahezu stabil. Starkes Wachstum hatten wir in der privaten Krankenvollversicherung – und das gegen den Markttrend. Auch in der betrieblichen Altersvorsorge und in der Sachversicherung lief es gut. Insgesamt verwalten wir für unsere Kunden Vermögensanlagen in Höhe von 76 Milliarden Euro – auch hier hatten wir einen guten Zuwachs. Eine Stärke der Signal Iduna ist unsere Struktur: Als Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit müssen wir keinen Gewinn für Aktionäre erwirtschaften, sondern können uns allein um die Wünsche unserer Kunden kümmern, die zugleich unsere Mitglieder sind. Ein weiterer Pluspunkt sind unsere historisch engen Verbindungen zu Handwerk, Handel und öffentlichem Dienst. Die Signal Iduna wurde vor mehr als 100 Jahren als Versicherung von Handwerkern gegründet. Wir sprechen die Sprache unserer traditionellen Zielgruppen, und das merken die Kunden. In diesem Jahr wollen wir unser Wachstum weiter beschleunigen. Im ersten Quartal 2019 stiegen die Beitragseinnahmen um 5,1 Prozent, auch das erste Halbjahr lief erfreulich. Wir sind also auf einem guten Weg.

Junge, innovative – meist sehr digitale – Startups setzen traditionelle Versicherer unter Druck. Was können Sie von den Branchenneulingen lernen?

Ein Schlüssel zum Erfolg ist heute Kundenzentrierung – also alle Produkte und Abläufe durchgehend aus Kundensicht zu gestalten. Da können wir als Versicherungsbranche einiges von den Digitalunternehmen lernen, gerade auch von Startups. Deshalb investieren wir über eine eigene Beteiligungsgesellschaft in interessante Unternehmen. Gleichzeitig sind wir mit mehreren erfolgreichen Startups Kooperationen eingegangen. Beispiele sind unsere Cyberversicherung „Digitaler Schutzschild“ für mittelständische Unternehmen, den wir zusammen mit dem IT-Startup Perseus entwickelt haben, oder die Kooperation mit Chargery, einem Ladedienst für E-Autos. Ganz neu ist unsere Investition in den E-Scooter-Anbieter Circ, für den wir auch europaweit Versicherungspartner sind. Gleichzeitig verändern wir aber auch die Art, wie wir selbst arbeiten. Unser Ziel ist, kundenzentrierter, flexibler und digitaler zu werden. Deshalb haben wir im vergangenen Jahr das Transformationsprogramm „Vision2023“ gestartet. Statt auf Hierarchien setzen wir auf agile Arbeitsmethoden und gemischte Teams. Das ist ein Kulturwandel, der natürlich nicht über Nacht geht.

Welche Tools können Kunden zukünftig von der Signal Iduna erwarten?

Mit unseren Kunden- und Rechnungs-Apps können unsere Kunden schon heute viele Dinge einfach selbst erledigen und zum Beispiel Belege per Foto einreichen. Die Apps werden sehr gut angenommen. Wir haben auch unser Bescheinigungsmanagement digitalisiert und „smarter“ gemacht. Das System antizipiert in vielen Fällen, wenn ein Kunde eine Bescheinigung benötigt – beispielsweise als Nachweis für eine Behörde –, und stellt diese dann automatisch aus. Seit Kurzem gibt es, zunächst für die Sachversicherung, die Online-Schadensmeldung, mit der Kunden viel schneller und einfacher als bisher Schäden melden können. In der Krankenversicherung bieten wir mit der Signal -Iduna Gesundheitswelt ein ganzes Ökosystem an digitalen Helfern für die Gesundheit: von der Unterstützung bei der Suche nach medizinischen Spezialisten über Rückentraining bis zu Onlinekursen zur Stressbewältigung. Diese digitalen Angebote bauen wir kontinuierlich aus. Bald werden auch die ersten digitalen Lösungen für unsere gewerblichen Kunden an den Start gehen.

Große Datenmengen erfordern aufwendige Rechenprozesse. Wie könnte die Blockchain-Technologie auch für Sie als Versicherer wichtig werden?

Blockchain ist – zusammen mit künstlicher Intelligenz und Advanced Data Analytics – eine der Technologien, die für die Versicherungsbranche große Bedeutung haben können. Denn mit Blockchain lassen sich Transaktionen dezentral speichern und nachverfolgbar machen. Das ist insbesondere für Mikroversicherungen interessant. Bei Signal Iduna verfolgen wir diese Technologie sehr genau, konkrete Pläne für Produkte auf Blockchain-Basis haben wir im Moment jedoch nicht.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen Ihrer Branche?

Der Versicherungsmarkt ist im Umbruch, keine Frage. Die Umsätze stagnieren, und nach wie vor macht uns die Niedrigzinspolitik das Leben schwer. Wer in diesem Umfeld wachsen will, muss von anderen Anbietern Marktanteile gewinnen. Gleichzeitig drängen neue, branchenfremde Wettbewerber in den Markt. Auch die Wünsche der Kunden verändern sich. Die Menschen wollen heute keine Produkte mit seitenlangen Versicherungsbedingungen, sondern smarte Lösungen für ihren Alltag. Und das am besten digital. Dabei erwarten sie den gleichen Service, den sie bei den großen Internet-Plattformen gewohnt sind. Für die damit verbundenen massiven Veränderungen haben wir uns frühzeitig aufgestellt. 2014 hatten wir ein Programm gestartet, um Strukturen und Prozesse zu modernisieren. Mit Vision2023 läuft seit vergangenem Jahr zudem ein unternehmensweites Transformationsprogramm, um uns noch besser auf unsere Zielgruppen einzustellen und den Service zu verbessern. Wir haben die richtige Strategie, um die Wünsche unserer Kunden auch in Zukunft optimal zu bedienen. Eine Schlüsselfrage wird dabei sein, wer künftig die Hoheit über die Schnittstelle zum Kunden hat. Wenn wir als Versicherer den direkten Kontakt zum Kunden verlieren – beispielsweise an Digitalunternehmen –, werden wir zum reinen Dienstleister degradiert. Das wissen wir zu verhindern.

Während der Jahrgang 1960 mit rund 2,1 Prozent des Lohns die Versorgungslücke im Alter schließen kann, muss die junge Generation etwa doppelt so viel vom Einkommen sparen. Was könnte die Politik Ihrer Meinung nach unternehmen, um diese Entwicklung zu stoppen?

Die Politik alleine wird die Versorgungslücke nicht schließen können. Die steigende Lebenserwartung sorgt dafür, dass die Lücke eher noch größer wird. Auch Gutverdiener, die sich allein auf die gesetzliche Rente verlassen, werden künftig im Alter Abstriche beim Lebensstandard hinnehmen müssen. Gerade für junge Leute ist es deshalb wichtig, dass sie für das Alter vorsorgen. Der Dreiklang lautet gesetzlich, betrieblich und privat – das sind die drei Säulen einer guten Absicherung. Damit kann man nicht früh genug beginnen. Ich beobachte allerdings mit Sorge, dass es da ein großes Desinteresse gibt. Junge Menschen beschäftigen sich ausführlich damit, welches neue Handy sie kaufen oder welche Urlaubsreise sie machen. Das Thema Altersvorsorge wird jedoch häufig ignoriert. Das Ergebnis wird sein, dass das Problem der Altersarmut weiter wachsen wird. Der Staat muss gegensteuern: Die private und betriebliche Vorsorge für das Alter darf nicht gegenüber der gesetzlichen benachteiligt werden, sondern muss gefördert werden. Jeder Euro, den junge Leute für ihr Alter zurücklegen, ist wichtig.

Der Signal Iduna Park ist mit über 81 000 Zuschauerplätzen das größte Fußballstadion der Republik. Wer wird eigentlich Deutscher Meister diese Saison?

Als gelernter Diplom-Kaufmann und Wirtschaftsprüfer bin ich eigentlich ein Zahlenmensch. Und rein statistisch spricht natürlich alles für die Bayern: Sie haben den teuersten Kader, zahlen die höchsten Gehälter, und sie haben die letzten sieben Mal in Folge den Titel geholt. Doch zum Glück gibt es ja auch im Fußball immer wieder das gewisse Etwas, das Zahlen und Statistiken ein Schnippchen schlagen kann. Deshalb bin ich sicher: Diese Saison wird der BVB Meister – keine Frage.

Florian Spichalsky

10.10.2019 | 13:16

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