Die Plattformtechnologie wächst sich zur digitalen Goldgrube aus. (Foto: ra2 studio / Shutterstock)



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Wie werde ich Milliardär?

Für die Auto1-Gründer hat es geklappt: Der Börsengang hat sie in die Forbes-Liste der Superreichen gespült. Dahinter steckt ein unschlagbares Modell der digitalen Wirtschaft: die Plattformstrategie.

Der Börsengang von Auto1 in der vergangenen Woche hat die Gründer Hakan Koç und Christian Bertermann zu Milliardären gemacht. Das Berliner Unternehmen, das mit seinen fast neun Jahren dem Startup-Alter entwachsen ist, erzielte eine Marktkapitalisierung von mehr als zehn Milliarden Euro. Koç und Bertermann besitzen beide jeweils rund zwölf Prozent des Unternehmens. Das US-Wirtschaftsmagazin Forbes nahm sie deswegen jetzt in seine Liste der Superreichen auf.
Wie sind die beiden, deren Unternehmen noch nicht einen Cent Gewinn erzielt hat, zu Milliardären geworden? Koç und Bertermann haben ihr Handwerk bei Rocket Internet und Groupon gelernt, bevor sie Auto1 zum wertvollsten Startup Deutschlands aufbauten. Und sie haben die Kernidee, dieser beiden etablierten Startups übernommen: ihre Plattformstrategie. Groupon ist eine Plattform für Gutscheine. Das Unternehmen, das immer mal wieder totgesagt wird, aber munter weitermacht, sammelt Gutscheine von Herstellern und Dienstleistern und verkauft sie weiter an Kundinnen und Kunden. Die bekommen ihr Wunschprodukt günstiger, und die Anbieter haben Zugang zu einem größeren Kundenkreis. Groupon selbst stellt nur die Plattform, also die Vermittlungsmaschine zur Verfügung.

Ähnliches gilt für Rocket Internet, nur dass hier keine Produkte oder Dienstleistungen gehandelt werden, sondern Rocket als Plattform für Startups dient, die im Grunde alle zwei Grundbedürfnisse haben. Ihnen fehlt Geld und Knowhow. Rocket kann durch seinen Zugang zu beschlagenen Investoren beides liefern.

Die Mobilitätsanbieter Uber oder Flixbus in Deutschland, der Bettenvermittler und Reiseanbieter AirbnB, die Versandapotheke zur Rose, Essenslieferant Lieferando – sie alle sind Startups, die auf der Plattformstrategie beruhen. Die Idee, die in der digitalen Ökonomie geboren wurde, hat einige unschlagbare Vorteile: Die Plattform lässt sich beliebig vergrößern, ohne dass es wesentliche Investitionen braucht. Ob Auto1 nun 100 000 oder eine Millionen Autos handelt, beeinträchtigt den Algorithmus im Hintergrund nicht, was auf den Gewinn im Verhältnis zum Umsatz positive Auswirkungen hat. Auf der Plattform fließen alle Daten zusammen, so dass mit ihrer Hilfe die Angebote optimiert werden. So weiß der Auto1-Algorithmus ziemlich genau, wieviel Geld mit welchem Automodell in welcher Region zu verdienen ist. Der Datenschatz wächst mit jedem angebotenen Auto und die einmal funktionierende Plattform optimiert sich so ständig selbst.

Schließlich sind die Plattformbetreiber ziemlich krisenfest. AirbnB - auch jüngst erfolgreich in der Pandemie an die Börse gegangen - ist dafür ein gutes Beispiel. Die Macher verdienen zwar wegen gesunkener Übernachtungszahlen weniger Geld, aber sie haben auch keine gewaltigen Kosten, die unbeirrt weiterlaufen. Um die Plattform zu betreiben, braucht es wenig Personal und über eigene Hotels, die finanziert und in Stand gehalten werden müssen, verfügt AirbnB genausowenig wie etwa Flixbus über eigene Busse.

Der Nachteil der Strategie: Es braucht Geduld, bis das Geschäftsmodell fliegt. Wer eine neue Dienstleistung anbietet oder ein Produkt, kann bei entsprechender Nachfrage schnell einen Gewinn erzielen. Plattformen leben davon, dass sie eine kritische Größe erreichen, um profitabel zu werden. Die Betreiber investieren deswegen über Jahre in Wachstum und verzichten auf Gewinn. Die Investoren müssen lange stillhalten. Genauso läuft es bei Auto1. Ihre Hauptsorge dabei ist: Der größte Plattformbetreiber der Welt, Amazon, wird auf sie aufmerksam und beginnt mit seinen schier unbegrenzten finanziellen Mittel, das Geschäft selbst zu betreiben. Dann beginnt ein Wettlauf zwischen dem Startup und dem Internetriesen, dessen Ende offen ist.

Koç und Bertermann sind genau nach diesem Muster vorgegangen. Dass der Auslöser für die Idee, Bertermanns Probleme waren, als Enkel zwei gebauchte Autos der Großmutter zu verkaufen, dürfte Teil einer Legendenbildung sein. Eher hat die Neumilliardäre der Blick über den Atlantik angespornt. Dort sind die Aktien des Auto1-Konkurrenten Carvana im vergangenen Jahr um 222 Prozent explodiert, was das Vermögen des Vater-Sohn-Duos an der Spitze, Ernest Garcia II. und Ernest Garcia III. ebenfalls in den Milliardenbereich katapultierte. Auch Carvana fußt auf einer Plattformstrategie.

oli

11.02.2021 | 12:44

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