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Frank Thelen ist ein europäischer Seriengründer, Technologie-Investor und TV Persönlichkeit. Als Gründer und CEO von Freigeist Capital konzentriert er sich auf Frühphasen-Investitionen wie Lilium Aviation, Xentral, Wunderlist, Ankerkraut oder YFood. Er veröffentlichte die beiden Beststeller „Startup-DNA“ und „10xDNA“.

Frank Thelen als Speaker auf dem Ludwig-Erhard-Gipfel 2020 am Tegernsee.

„Uns Deutschen fehlt die Fähigkeit groß zu denken“

Frank Thelen, Seriengründer, Tech-Investor und CEO von Freigeist Capital, spricht im Exklusiv-Interview mit der Börse am Sonntag über eine Welt an der Schwelle zum exponentiellen Zeitalter und Europas gefährliche Rolle als Datenexporteur. Über großartige Ideen, die an Überregulierung scheitern und Unternehmen, denen der Mut fehlt, neu zu denken.

Herr Thelen, wie frei fühlt sich ein Freigeist wie Sie, umgeben von Shut- und Lockdowns fast überall auf dem Planeten?


Privat komme ich mit den Einschränkungen gut klar, mein Leben geht weitestgehend normal weiter. Ich verbringe meine Zeit ohnehin am liebsten an meinem Schreibtisch oder laufe durch den Wald. Einzig die Date-Nights mit meiner Frau waren eine Herausforderung, aber auch hier haben wir für den Übergang eine gute Lösung gefunden. Was mir mehr Sorgen macht, ist unsere Wirtschaft. Wir dürfen nicht riskieren, dass unser Mittelstand als wichtiges Standbein der deutschen Wirtschaft durch die
Corona-Krise einbricht. Deshalb spreche ich mich auch öffentlich dafür aus, die Wirtschaft unter Einhaltung von sinnvollen Sicherheitsmaßnahmen wie zum Beispiel einer Maskenpflicht wieder hochzufahren.

Die groß angelegten Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen als Folge der Corona-Pandemie haben mit dazu geführt, dass die Welt, wie Microsoft-Chef Satya Nadella vor kurzem feststellte, eine „digitale Transformation“ erlebt hat, „die sonst zwei Jahre gedauert hätte“. Das müsste Sie als Technologie-Investor ja eigentlich freuen.

Absolut! Wir haben gerade ein unglaublich wertvolles Momentum in Deutschland. Die Menschen sind bereit für Veränderungen, weil sie nun gezwungen sind, sich mit der Digitalisierung auseinanderzusetzen. Diese Bereitschaft sollten wir unbedingt nutzen, um die Digitalisierung unseres Landes jetzt konsequent voranzutreiben. Denn die neuen Technologien, die in naher Zukunft unsere Welt tiefgreifend verändern werden, benötigen eine flächendeckende Digitalisierung als Basis. Verpasst Deutschland jetzt den Anschluss, werden wir irgendwann nicht mehr aufholen können. Deshalb kommt diese digitale Transformation, obgleich aus einer unschönen Lage heraus, gerade richtig.

Auf der anderen Seite dürften der Pandemie wegen gerade viele Start-Ups in
Finanzierungschwierigkeiten kommen, oder? Droht die Regierung hierzulande die Szene aus den Augen zu verlieren?


Die Regierung hat gerade sehr viele Brände gleichzeitig zu löschen und macht dafür einen relativ guten Job. Aber klar, auch viele Startups sehen sich von der Krise bedroht und auch sie gilt es, wenn perspektivisch sinnvoll, zu retten. Man muss hier aber auch ganz klar differenzieren können zwischen Unternehmen, denen es schon vor der Krise schlecht ging und solchen, die erst durch die Krise in Schieflage geraten sind. Wir werden leider nicht jeden retten können. Hinzu kommt, dass nicht jedes Startup von der Krise direkt betroffen ist. Bei unserem Tech-Portfolio läuft das Tagesgeschäft weitestgehend normal weiter und Food-Startups wie YFood, Little Lunch und Ankerkraut haben ihre Umsätze teilweise sogar verdoppelt. Was ich überhaupt nicht verstehe, ist, wie zum Beispiel ein Adidas staatliche Hilfe beziehen kann. Das Geld wäre in der Startup-Szene oder unserem Mittelstand definitiv besser aufgehoben.

Nun haben Sie im Mai Ihr neues Buch „10xDNA – Das Mindset der Zukunft“ auf den Markt gebracht. Darin beschreiben Sie die Welt an der Schwelle eines neuen Zeitalters. Auf letzteres kann man sich freuen. Angesichts der großen wirtschaftlichen Herausforderungen, die mit der Pandemie einhergehen, aber auch davor fürchten…

Ich bin 99/2000 schon mal durch eine wirtschaftliche Krise gelaufen und kann sagen: Es wird wieder besser. Ich mache mir keine Sorgen um unsere Zukunft, sondern freue mich auf das, was da kommt. Natürlich wird es auch große, gesellschaftliche Herausforderungen geben. Aber wenn wir jetzt mutig in Technologie und Innovation investieren, steht uns eine wirtschaftlich starke und sichere Zukunft bevor. Technologie wird unser Leben langfristig sicherer, effizienter und nachhaltiger machen. Wir müssen uns nur trauen, die Chancen zu erkennen und zu nutzen. Deshalb braucht Deutschland eine 10xDNA und aus diesem Grund habe ich das Buch geschrieben.

Bleiben wir mal auf der faszinierenden, aufregenden und damit positiven Seite. Welchen Trends und Technologien sagen Sie in den kommenden Jahren den Durchbruch voraus? Und warum?


Für viele ist es noch kaum vorstellbar, aber Innovationen wie Flugtaxis, Autonomes Fahren und Fleisch aus dem Labor sind tatsächlich zum Greifen nah und teilweise sogar schon im Einsatz. In 10xDNA zeige ich einige, beeindruckende Beispiele auf und versuche zu erklären, wieso all das, was wir heute noch als Science-Fiction kennen, schon sehr bald Realität werden wird. Das liegt daran, dass Technologie sich exponentiell entwickelt, der Mensch Fortschritt aber meist linear wahrnimmt und somit auch nur linear weiterdenkt. Deswegen können wir die Entwicklungen der nächsten 10 Jahre so schwer begreifen. Wir stehen an der Schwelle eines exponentiellen Zeitalters.

An der Börse sagen Anleger vor allem den großen Tech-Konzernen aus den USA eine goldene Zukunft vorher. Amazon, Netflix und Facebook, aber auch Nvidia und Adobe, sind inzwischen mehr Wert als vor Ausbruch der Corona-Krise. Microsoft und Alphabet könnten bald folgen. Werden am Ende „die Großen“ nur noch größer oder ist diese Krise auch eine Chance für kleine Firmen und Start-Ups, groß zu werden?

Auch ich glaube an den wirtschaftlichen Erfolg und die Zukunft der Tech-Giganten aus den USA und China. Aber es werden auch neue Tech-Champions entstehen, die noch höhere Marktwerte erzielen werden. Deshalb ist es so wichtig, dass wir auch in Europa in diese neuen Schlüsseltechnologien investieren, damit auch wir einen oder mehrere solcher Tech-Champions aufbauen. Tun wir dies nicht, wird unsere Weltmarktwirtschaft komplett aus dem Gleichgewicht fallen. Das könnte dramatische Folgen für Deutschland und Europa haben.

In Ihrem Buch beschreiben Sie die Digitalisierung als Anfang und sehen nun „die größte Revolution der Menschheitsgeschichte“ starten. Vorausgesetzt, Sie behalten Recht: Wird sie zu groß für Deutschland und Europa?

Ich will ehrlich sein. Wenn wir nicht sehr bald etwas an unserer Einstellung zu Technologie ändern: Ja. Aber es gibt auch gute Nachrichten: Deutschland hat alle nötigen Mittel, um wieder zum Innovationsvorreiter zu werden; hochwertige Universitäten, erstklassige Ingenieurskunst und aktuell auch noch das nötige Kapital. Das einzige, was uns fehlt, ist das richtige Mindset. Deshalb will ich mit 10xDNA einen Impuls zum Umdenken geben. Ich hoffe, dass mir das gelingt.

Bei einem Blick auf den digitalen Vorsprung Chinas und den USA stellt sich schon die Frage: Kann Deutschland diesen Rückstand überhaupt noch aufholen oder zumindest den Anschluss wieder herstellen?

Noch ist es nicht zu spät, aber wir müssen jetzt dringend konsequent unser Land digitalisieren, denn die uns bevorstehende technologische Revolution wird sich auf Basis der Digitalisierung abspielen. Wem diese Basis fehlt, der wird definitiv den Anschluss verlieren.

Nicht zuletzt an der Börse werden die Größenverhältnisse ersichtlich. Die großen chinesischen und US-amerikanischen Tech-Konzerne sind allesamt mehr wert als die 30 Dax-Unternehmen zusammengenommen. Wie viel ist da eigentlich der Dax noch wert?

Die Zahlen sind erschreckend und es stimmt, wir brauchen dringend einen neuen Tech-Champion in Deutschland, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Deshalb habe ich es mir mit Freigeist zum 10-Jahres-Ziel gemacht, einen solchen Tech-Champion mit aufzubauen, also ein herausragendes Gründer-Team zu finanzieren und über viele Jahre zu begleiten. Unser Dax besteht aus vielen soliden
Unternehmen, die es auch noch lange geben wird. Aber den meisten dieser Unternehmen fehlt die Innovationskraft, um 10xSprünge zu machen. Hier sehe ich die größte Chance ganz klar bei disruptiven Tech-Startups.

In Ihrem Buch fordern Sie getreu dessen Titel eine 10xDNA für Deutschland, um die „unfassbaren Chancen im Zeitalter des exponentiellen Fortschritts“ zu ergreifen. Warum hat das nichts mit Biologie zu tun?

DNA meint in dem Fall nicht unser Erbgut, auf das wir aktuell noch keinen Einfluss haben – wobei sich auch das sehr bald durch Fortschritte in der synthetischen Biologie ändern könnte. Ich nutze den Begriff, um Denkmuster und Verhaltensweisen zu beschreiben, die tief in den Innovationsvorreitern unserer Zeit verankert sind. Wer eine 10xDNA hat, der ist von dem Gedanken getrieben, die Dinge neu denken und 10x besser machen zu wollen - und auch von der Angst, überholt zu werden. Im Buch gehe ich genauer auf diese Verhaltensmuster ein. Für mich beschreibt 10xDNA, wie der Titel schon sagt, das Mindset der Zukunft. Gerade uns Deutschen fehlt dieses Mindset, die Fähigkeit, groß zu denken und mutig und langfristig zu handeln. Glücklicherweise braucht es keine synthetische Biologie, um eine 10xDNA zu erschaffen - alles, was es braucht, ist ein neues Verständnis.

Was läuft bislang falsch?


Aktuell fehlt unseren Unternehmen der Mut neu zu denken und langfristige Investitionen zu tätigen. Die meisten Großkonzerne denken und handeln in Quartalen, anstatt in Dekaden. Diese Grundeinstellung muss sich ändern. Außerdem brauchen wir bessere Bedingungen für Innovationen seitens der Politik. Viele großartige Ideen scheitern schon an der Überregulierung unseres Landes.

Was muss sich dringend ändern?

Wir brauchen mehr Handlungsspielraum für neue Ideen, größere Checks im VC-Bereich und insgesamt mehr Kapital für Tech-Startups, im Idealfall auch aus staatlichen Töpfen. Wir müssen verstehen, dass Tech-Startups ein wichtiger Teil der Zukunft unserer Wirtschaft sind und sie aktiv fördern. Im Vergleich zu den Investitionssummen, die jedes Jahr in den USA und China in die Forschung und Entwicklung neuer Technologien fließen, ist das, was in Deutschland und Europa in diesem Bereich passiert, ein Kindergeburtstag.

Trotzdem investieren Sie in Deutschland und Europa. Warum?

Weil mir die wirtschaftliche Zukunft Europas am Herzen liegt und ich es mir zur Aufgabe gemacht habe, mit meinem Kapital und meiner Erfahrung hier zu unterstützen.

Was sind denn nun klassische 10xDNA-Unternehmen, wie erkennt man sie und was macht sie aus?

Ein sehr gutes Beispiel ist Lilium Aviation aus unserem Portfolio. Sie bauen einen elektrisch betriebenen, senkrecht startenden und landenden Jet, der 300 Kilometer weit fliegt und dabei bis zu 300 km/h erreicht. Er ist damit deutlich effizienter als andere VTOL-Jets und Flugtaxis im Markt. Möglich wird dies durch die 10xDNA der Gründer: Sie haben sich nicht daran orientiert, wie Flugzeuge heutzutage gebaut sind oder was andere Player im Markt machen, sondern sie haben das Fliegen neu gedacht und damit eine neue Technologie entwickelt, die 10x effizienter ist. Anfangs wurden sie für verrückt erklärt, auch das gehört dazu, wenn man eine 10xDNA hat. Deshalb ist es umso wichtiger, dass man an seine eigene Vision glaubt, auch wenn es kein anderer tut. Die größten Visionäre unserer Zeit wurden anfangs alle belächelt oder für verrückt erklärt. Heute lacht kaum noch jemand über Elon Musk oder Jeff Bezos. Sie haben erfolgreich 10xUnternehmen aufgebaut.

Wie würden Sie da die deutsche Autoindustrie einordnen. Ist das Rennen gegen Tesla längst verloren?

Ich befürchte ja. Natürlich wird es die deutsche Autoindustrie weiterhin geben, aber das Rennen um die Mobilität der Zukunft wird meiner Einschätzung nach Tesla oder ein anderer neuer Player machen. Der Fortschritt, den Tesla im Bereich Chips, Daten und in der Batterieforschung hat, ist leider kaum noch aufzuholen. Ich glaube, die deutschen Autobauer hatten ihren “iPhone Moment” bereits.

Sie warnen vor einem Europa als reinem Daten-Exporteur. Was ist daran so gefährlich und wie lässt sich gegensteuern?

Daten sind das wertvollste Asset der Zukunft. Entwicklungen im Bereich KI, Automatisierung und Co. basieren auf großen Datenmengen und wer diese Datenmengen hat, hat die Macht über einen sehr, sehr großen Markt. Gerade in Deutschland stellen wir uns mit der DSGVO selber ein Bein. Kleine Unternehmen und Startups erhalten keine Daten, wir alle “müssen” aber Google, Amazon, Facebook und co. nutzen und geben somit all unsere Daten bereitwillig an die USA ab. Das muss sich dringend ändern. Wenn Europa zum reinen Daten-Exporteur wird, geben wir dadurch den kompletten KI-Markt an die USA und China ab.

Herr Thelen, ganz zum Schluss: Was macht eigentlich glücklicher? Investieren oder Gründen?

Eine schwierige Frage. Beim Buch habe ich gemerkt, dass es mir nach wie vor großen Spaß macht, ein Projekt selbst in der Hand zu haben - deshalb auch der Eigenverlag. Dennoch bin ich sehr dankbar für meinen Job als Investor. Ich darf tagtäglich mit herausragenden Köpfen zusammenarbeiten, die wirklich etwas bewegen können. Und ich darf sie mit meiner Erfahrung und meinem Netzwerk unterstützen. Das bereitet mir jeden Tag große Freude.

Das Gespräch führte Oliver Götz

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28.05.2020 | 12:23

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